traditionell zweitklassig

24. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth – VfB Stuttgart

Man darf es so billig sagen

von Simeon Boveland

Ich liege auf dem Sofa und habe mir selbst das Versprechen abgerungen mich keinen Millimeter zu bewegen. Das klappt nur mit der richtigen Vorbereitung. Das kühle Getränk steht in greifbarer Nähe, das Ladekabel für den Laptop ist vorsorglich schon eingesteckt. Allerlei Knabberei in verschiedenen Schüsseln gemeinsam mit dem Bier innerhalb des erreichbaren Radius aufgestellt. Sogar eine Decke liegt bereit, falls mich das Gesehene doch so sehr aufwühlen sollte und ich Wärme und Nähe brauche. Aber ich kenne die Ergebnisse schon und bin zumindest diesbezüglich guten Mutes. Müsste ich aber alles zusammenfassen, würde ich es so versuchen: Es ist nicht zu erklären, meine ich, und doch am Ende ganz leicht: Alle Favoriten haben verloren. Der VfB, der HSV und Liverpool. Damit muss man sich im Fußball dann auch einfach mal abfinden.

Alle Favoriten haben verloren. Der VfB, der HSV und Liverpool.

Morgens im Bett dachte ich da aber noch anders drüber und war doch gleichzeitig in Sorge. Da hatte ich noch gehofft auf blöde Wortspielchen verzichten zu können. Der HSV an diesem Samstag gegen Aue, aua. Der VfB gegen Fürth. Höhö. Das konnte ja eigentlich nur in die Hose gehen. Das ich schon geahnt habe, dass nicht alles aalglatt gehen würde, zumindest könnte, beweist das Dickicht an Terminen, das ich mir auf den Samstag um 13.00 Uhr herum herangezogen hatte. Ich sollte bei einem Umzug helfen, um das VfB-Spiel nicht sehen zu müssen. Muss man sich mal vorstellen. Ein Umzug. Das ist für mich persönlich reinste Folter. Es ist das Beste am Erwachsen werden, dass - wenn der finanzielle Rahmen stimmt - niemand mehr seine Freunde zwingen muss bei Umzügen zu helfen. Was ich dabei völlig außer Acht gelassen habe, war die Tatsache, dass die umzugswillige Freundin im 4. Stock mit einem engen, kleinen Treppenhaus wohnte. Herzlichen Glückwunsch. Andererseits: Für meine Bedürfnisse natürlich optimal. Im Schweiße meines Angesichts nicht an das Spiel denken. Außerdem gab es Butterbrezeln, später Windbeutel, Kaffee, Bier, was will ich denn mehr. „Drei Punkte!” flüstere ich mir zu. „Jetzt nicht dreist werden”, die Stimme im Hinterkopf. Aua. Komisch eigentlich. Der VfB führt die Rückrundentabelle an. Hat noch kein Spiel verloren. Woher kommt die Befürchtung? Sie ist uns leidgeplagten Fans in die Wiege gelegt. „Wer zuletzt lacht, lacht am besten”, wieder diese schnoddrige Stimme.

Der Plan des Tages also: Tagsüber umziehen, sich dem Bier (das hatte die Freundin ja nun gekauft und es wäre doch reichlich unfreundlich sie auf diesen beiden Kästen sitzen zu lassen) hinzugeben und abends auf dem Sofa liegend die Sportschau zu gucken. Es hätte ja auch ein schöner Tag werden können. Hätte, hätte, ja, ja, aua!

Mit dem ersten Blick auf die Ergebnisse - die Spiele liefen schon und noch - lagen nur Heidenheim und der HSV zurück. Immerhin auch Heidenheim. „+++ Eilmeldung +++ Silas übers Tor - Von Didavi wunderschön eingesetzt, verlädt Silas Wamangituka Fürth-Schlussmann Burchert, verzieht dann aber deutlich. Da war mehr drin.” Scheiße, das kann ich mir so bildlich vorstellen und trotzdem werde ich später auf dem Sofa auf die Polster schlagen. Warum muss er den in den Winkel zirkeln wollen? Schon aus diesen wenigen Informationen weiß ich, dass die Sportschau später Daniel Didavi - in den letzten Wochen überragend - zum Protagonisten des Spiels machen wird. Das alles habe ich damals bei Elbkick.TV gelernt. „Erzähl eine Geschichte. Such dir einen Spieler, zu dem du immer wieder zurückkommst.” Didavi bietet sich da einfach an. Er wird aber am Ende dieses Spieltages nicht der große Held sein. Überhaupt, am Ende wird es 2:0, 3:0, 2:0 und 1:0 ausgehen und Bielefeld als einzige Top 4 Mannschaft gewinnen können, wer ahnt denn sowas?

Abends dann endlich auf dem Sofa säuselt mir Alexander Bommes zu, dass Florian „Flo” Neuhaus mit dem Tor des Monats ein Wiederholungstäter ist. Er selbst verrät, wie Tore aus der Entfernung gemacht werden. Tipp: Es lohnt sich, wenn der Torwart weit vor seinem Tor steht. Aua.

Vor dem VfB-Spiel dann alles wie bereits gedacht. Vorbericht mit Daniel Didavi. Mit dem Freistoßtor aus der Vorwoche hat er sich selbst ein Geschenk zum 30. Geburtstag gemacht. Überhaupt: Punkte, die der VfB mit Didavi geholt hat und Punkte, die der VfB ohne Didavi geholt hat, sprechen Bände. Jaja, der VfB schon halb aufgestiegen, wenn Didavi spielt, aua. Künstlich Fallhöhe schaffen. Du bist gemein, Bommes! Dann kommt Marc Schlömer und gurrt Bommes-ähnlich. „Man darf es so billig sagen, Fürth verteidigt mit Mann und Maus”, kommentiert er das Spiel. Die never ending story. Fürth oder Bochum oder Sandhausen „verteidigt mit Mann und Maus”. Folgende Grundproblematik: Vorne werden die Dinger über den Knick gestreichelt und immer Richtung lange Ecke geschoben (Die Achse Silas - Didavi übrigens mit ein paar ganz feinen - stark einstudierten - Spielzügen. Didavi filetiert dabei die Fürther Abwehr, dass man gar nicht hinschauen mag!), aber hinten kann halt immer was passieren. Vor allem weil Fürth sich bei Standards und Kontern gar nicht doof anstellt.

0:0 zur Pause. Hier fürth Niemand, aua.

In der zweiten Hälfte und in der Zusammenfassung der Sportschau eilt der Cutter auf den Höhepunkt zu. Wieder nach einem Standard hebt Nathaniel Phillips unglücklich, wie sein ganzes Spiel an diesem Tage, das Abseits auf und Caligiuri schiebt ein. Caligiuri selbst hat nach dem Spiel nichts zu verbergen, spricht zwar erst vom „Quäntchen Glück” klärt die Journalisten aber dann über den Fürther Matchplan auf, der einfach wie genial war: „Es war eine Mischung aus Ärgern und auf den Keks gehen.” Und wenn man jemanden lange genug auf den Keks geht, dann kann man irgendwann auch selber das Spiel machen. Branimir Hrgota auf der linken Außenbahn gegen Nathaniel Phillips, legt den Ball in die Mitte und Sebastian Ernst schiebt ein. Schlömer dazu: „Phillips wird niemals so alt werden wie er in der Szene aussieht!” Zugegeben ein lustiger Spruch, aber doch auch eine ungewöhnliche Aktion in der Stuttgarter Defensive, die in den letzten Wochen mit Nathaniel Phillips sehr sicher stand. Im Großen und Ganzen war es das aber auch. Der VfB verliert das erste Spiel in Zwozwanzig und der Aufstiegskampf verspricht zäh zu werden. Lichtblicke sind da nur, dass in den nächsten vier Wochen sowohl der Tabellenführer aus Bielefeld als auch der erste Jäger aus Hamburg ins Ländle kommen, das verspricht spannend zu werden. Mein persönlicher Lichtblick des Abends: Keinen Millimeter habe ich mich bewegt.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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