traditionell zweitklassig

25. Spieltag: Hamburger SV – Jahn Regensburg

„Ferner liefen”

von Simeon Boveland

Am Sonntag mit Hut zum Pferderennen und dem Wettschein in der Hand. Der Startschuss fällt und Ronny Rocket, eigentlich als Favorit ins Rennen gegangen, kann nicht an vorangegangene Rennen anknüpfen. Woran es gelegen hat? Wer weiß, aber das Geld ist futsch. Erwartungen nicht erfüllt. Nicht einmal auf den Anzeigetafeln erscheint er mehr. Nur die wichtigsten Ränge sind aufgeführt. Einzig eine kleine Sparte ganz unten zeigt die Namen der Verlierer unter dem englischen  Titel „also ran”. So war das früher in England beim Pferderennen. Das „also ran” wurde dann auch in Deutschland übernommen und mit „ferner liefen” übersetzt. Ronny Rocket lief also unter dem Titel „ferner liefen”. Nicht weiter erwähnenswert auf einen untergeordneten Rang.

Im Fußball sind die untergeordneten Ränge von Liga zu Liga unterschiedlich. Kann nur der 1. Rang die Meisterschaft gewinnen, werden doch auch die Ränge 2 bis 4 in der Bundesliga mit der Champions League (bzw. der Quali) belohnt. Die Ränge 5 und 6 mit der kleinen Euro League. Alle weiteren Vereine können, trotz Saisonzielen und eigenen Erfolgen, doch nur unter dem Rang „ferner liefen” zusammengefasst werden.

Etwas anders ist es in der zweiten Bundesliga. Hier gibt es auch eine Meisterschaft. Dieser Guddi ist verbunden mit dem direkten Aufstieg, der auch dem zweiten Rang angedeiht, aber danach wird es schon haarig. Seit einigen Jahren gibt es wieder die Relegation. Die drittbeste Mannschaft der zweiten Liga spielt gegen die drittschlechteste Mannschaft der ersten Liga. Belohnung und Strafe, um gerade noch den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sich ein weiteres Jahr vorzuwerfen, warum dieses eine Spiel in der 90. Minute doch noch verloren wurde. Das ist natürlich spannend, aber nur für die Leute, die keine Verbindung zu den beiden Mannschaften haben, die in den erwiesenermaßen äußerst langweiligen Relegationsspielen auf dem Zahnfleisch gehen. Ungehöriger Druck lastet auf den Mannschaften.

Der HSV hat mit diesen Spielen Erfahrung. Hat alle Relegationsspiele bisher und am Ende erfolgreich gestalten können, zog also immer noch gerade so den Kopf aus der Schlinge. Nun, in der zweiten Liga, wäre es eine Strafe. Im letzten Jahr entgingen die Hamburger dieser Relegationsschmach nur dank einer unvergleichbaren Negativserie. Am Ende begnügte man sich mit dem 4. Rang - eindeutig unter „ferner liefen“. Und auch in diesem Jahr werden nun die Geister gerufen, die keiner haben will.

Am Ende begnügte man sich mit dem 4. Rang - eindeutig unter „ferner liefen“.

Nach der Pleite gegen den Stadtrivalen Pauli war man im Volkspark natürlich mehr als bedient. Hecking gewährte sogar schon früh nach dem Spiel Einblicke in sein Innenleben und versprach sich mit viel Schokolade in den Schlaf zu weinen. Auch Tage später gestand der Trainer, dass diese Niederlage, ja nicht irgendeine Niederlage, sondern die hanseatische Version der Mutter aller Niederlagen, am Team gezehrt hat. Die Gemeinschaft wurde heraufbeschworen, 11 Freunde sollt ihr sein. Hecking blickte zurück auf seine Prophezeiung des vorherigen Sommers, als er genau auf diese Situationen hinwies. Es war also klar, dass nicht alles glatt laufen würde. Der HSV dürfe nun aber nicht in alte Muster verfallen. Diese Situationen seien Meilensteine einer Gemeinschaft, des Teamspirits und des „einer für alle, alle für einen”. Und doch war dann da auch die rationale und distanzierte Einordnung des bisherigen Jahres 2020. Der HSV hatte nach dem Spiel gegen Pauli aus 5 Spielen 10 Punkte geholt. Vor dem Pauli-Spiel im neuen Jahr noch gar nicht verloren. So müsse man es doch sehen. Nach der zweiten Niederlage in Folge lässt sich so eine Statistik natürlich anders lesen. Nach 6 Spielen sind es noch immer 10 Punkte, aber nun bereits zwei Niederlagen hintereinander, zwei torlose Spiele hintereinander, drei Spiele ohne Sieg. Dahin der schöne Jahresstart mit drei Siegen in Folge und 9 zu 2 Toren. Schade Marmelade. Dazu ungeheures Verletzungspech. Mit Jahn Regensburg sollte jetzt zudem ein Schreckgespenst ins Volksparkstadion kommen, der sehr gute Erinnerungen an das Stadion und den HSV hat. Da gab es im letzten Jahr aber gehörig einen vor den Latz. Und der Gegner hatte auch in den letzten Wochen, zum Beispiel gegen den VfB gezeigt, dass sie unangenehm sind.

Dahin der schöne Jahresstart mit drei Siegen in Folge und 9 zu 2 Toren. Schade Marmelade.

Wieder einmal musste sich Hecking vor die Mannschaft stellen und relativierte herbeigerufene Krisen:

„Diese Mannschaft ist charakterstark, aber sie bringt es im Moment nicht auf den Platz.“

Er ist sich aber auch im Klaren: „Es ist gerade eine schwierige Phase.“

Das Krisengerede der Vereinsspitze konterte Hecking gar:

„Ich sage es nochmal: Zwei Niederlagen in Folge sind für mich noch keine Krise. [...] Wenn Bernd (Bernd Hoffmann Anm. d. Verf.) meint, dass das für ihn eine Krise ist, dann kennt er Hamburg besser als ich, er ist schon viele Jahre hier in der Stadt. Deshalb gestehe ich ihm absolut zu, dieses Wort zu gebrauchen.“

Mitschwingt aber, dass keiner der Verantwortlichen unter „ferner liefen” laufen wolle. Nicht schon wieder. Und das ist immer die Zeit in der die Mechanismen des Geschäfts greifen. Neuen Input, Sorge, dass der Trainer die Ziele nicht erreichen kann, gar die Mannschaft nicht erreicht. Beim HSV scheint zurzeit eine gespenstische Ruhe zu herrschen. Allen scheint klar, dass die Verantwortlichen die Richtigen an den Schaltzentralen sind. Keine Krise also, nur zwei Niederlagen in Folge und den Angstgegner vor der Brust. So spielt der HSV auch. Glücklich nach Standard und Pingpong-Tor geht die Heimmannschaft in Führung, bekommt aber verdient noch vor der Pause den Ausgleich, weil die Abwehr eher einem Hühnerstall gleicht und der Ball, nun nicht pingpong-, aber flipperartig ins Tor geht. Mit etwas Glück wird das 1:2 nach der Pause nicht gegeben. Nur ein paar Sekunden später das 2:1 für den HSV. So schnell geht Fußball. In Fußballdeutschland wird man nach dem Spiel von Kampf und Befreiungsschlag sprechen. Tatsächlich steht der HSV gerade nur knapp über „ferner liefen”. Nun geht es in den Endspurt der Saison und die Scheuklappen („Wir schauen nur auf uns”) reichen nicht mehr aus. Auf den letzten Metern schaut man auch nach rechts und links. Was macht die Konkurrenz? Dem HSV soll es nicht so ergehen wie Ronny Rocket und unter „ferner liefen” die Saison beenden.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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