traditionell zweitklassig

25. Spieltag: VfB Stuttgart – Arminia Bielefeld

Pressure

von Christoph Mack

„Pressure? Pressure is millions of people in the world, parents, no money to buy food for their children. Not in football.“

Hätte man José Mourinho nicht in den bisherigen Jahrzehnten seiner schillernden Trainerkarriere als Erfinder einer neuen Dimension oberhalb der Selbsterhöhung kennen gelernt, man könnte fast dahinschmelzen vor weltmännischer Reflektiertheit, die man so höchstens einem Christian Streich zugetraut hätte. Selbstverständlich hatten die Worte des portugiesischen Poltergeists, die er anno dazumal nach zwei verlorenen Spielen in Folge äußerte, in allererster Linie sportpsychologische Gründe. Der Druck musste weg. Weg von der Mannschaft, weg von ihm. Zurück zu denen, die ihn maßgeblich verantworten, zurück ins Umfeld, zurück zu den Medien. Für den Moment dürfte ihm dies in jener Situation gelungen sein. Seine Antwort ließ den fragenden Reporter erwartbarerweise entwaffnet zurück.

Pelegrino Materazzo hat außer seines klangvollen südländischen Namens nicht viele offensichtliche Parallelen zu Mourinho und auch in Sachen Druckregulierung geht er anders vor. Authentischer. Ganz im Sinne des genannten Freiburger Übungsleiters Streich formuliert er das rund um den Cannstatter Wasen grassierende „Muss-Gefühl“, welches auch vom Bielefelder Coach Uwe Neuhaus zielgerichtet unterstrichen wurde, um und spricht von purer „Vorfreude“ auf das unvermeidliche Spitzenspiel.

Das „Muss-Gefühl“ wird zur „Vorfreude“.

Klar, Materazzo will mentaler Verkrampfung vorbeugen und den Fokus auf die eingeübten Automatismen legen, anstatt auf das im eingeleiteten Endspurt der Saison immer schneller wirbelnde Drumherum. Aber funktioniert das? Geht das in die Köpfe der Spieler?

Fragt man einen früheren Stuttgarter Trainer bekommt man eine andere Meinung zu hören: „Man braucht Druck, um Höchstleistung zu bringen.“ Felix Magath führte den VfB mit dieser Philosophie bis in die Champions League und war Vater des historischen Triumphes über Manchester United.

Differenzierter wird es nicht. Und wirklich zielführend auch nicht. Denn die zitierten Aussagen wurden allesamt jeweils vor geladenen Tinten-Patronen der Journaille getätigt. Wie abseits der medial sichtbaren Fassade gesprochen, motiviert oder scharf gemacht wird, steht auf einem anderen, wohl behüteten Blatt.

Ganz generell können sich die wenigsten ausmalen, wie es sich anfühlt, ein Spitzenspiel im eigenen Stadion, vor über 50 000 Zuschauern vor der Brust zu haben (Auch wenn es heuer gegen den zweitbesten Club Ostwestfalens geht und nicht gegen das teuerste Team der Welt). Und genauso generell ist es verschieden, wie der oder die Einzelne damit umgehen würde, mit den wohlwollenden Hoffnungen, die in einen gesetzt werden, mit den sehnsüchtigen Erwartungen, die auf einen projiziert werden, mit der wachsamen Augenvielzahl, die jede Bewegung vermisst, bewertet und einordnet. Mit dem ganzen…DRUCK!

DRUCK, DRUCK, DRUCK! Natürlich ist da DRUCK.

Jetzt platzt es aus mir heraus. DRUCK, DRUCK, DRUCK! Natürlich ist da DRUCK. Wer bei Ecosia die Wörter „DRUCK und „FUSSBALL“ eingibt, erhält 6 150 000 Suchergebnisse. Zugegeben, da spielt der Luftdruck des Balles mit rein, aber trotzdem. DRUCK im Fußball ist wie Pommes und Fettfinger – eine logische Verkettung der Dinge. Ich spüre diesen DRUCK doch schon das ganze Wochenende bis in meine tippenden Fingerspitzen. Ein Sieg gegen die Arminia - das wäre nicht nur eine Riesenchance ganz oben dran zu bleiben – das IST DIE Riesenchance. Und wenn die nicht genutzt wird, ist Heidenheim dran und der HSV vorbeigezogen. Spätestens dann hätten wir aber so richtig DRUCK!

Okay, runterfahren. Bringt ja nichts sich in Rage zu schreiben. Der DRUCK ist da, zweifelsohne, drückt von außen. Simeon hat ein Manuskript unseres Blogs an sämtliche Verlage geschickt. Imaginär wartet also eine Horde kritischer Lektoren auf unsere nächste Veröffentlichung, um dann ihr Urteil zu fällen. Es geht also um viel diese Woche. Auch für uns. Es soll besonders gut werden. Aber wie? Was setzt man also diesem DRUCK von außen entgegen?
In meinem Fall tue ich das, was ich die letzten Wochen auch schon getan habe. Denken, Recherchieren, Schreiben, Redigieren, Schreiben, ein überflüssiges Wortspiel entschärfen, Schreiben, Recherchieren, Umformulieren, Absatz löschen, Schreiben, Denken, Schreiben, Punkt.

Das läuft beim 30. Text dieses Blogs mittlerweile verhältnismäßig flüssig. Übung macht den Schreiber(lehr)ling, die Worte fließen zwar noch immer nicht ganz von allein, aber dennoch zuverlässig, fast so als hätten sich im Laufe der Zeit ein paar Synapsen mehr verbunden, mentale Schemata ergänzt und sich schüchterne Automatismen ausgebildet.

Da sind wir wieder bei Materazzo, der mit dem VfB das Spitzenspiel gewinnen „will“, nicht „muss“ und dabei auf selbige eingeübte Routinen und auf die eigenen Stärken vertraut. Der den äußerlichen Druck von seinem Team nimmt und auf die intrinsische Motivation des jeweils einzelnen Spielers baut. Frei nach dem Motto: Wenn jeder wirklich will, müssten wir auch gewinnen.
Für mich macht das jetzt irgendwie Sinn.

Diese Erkenntnis nehme ich mit auf den Weg in die „weltbeste Fußballkneipe im Stuttgarter Osten“ (Boveland, 2020), sehe zwei Mannschaften, die sich in der ersten Halbzeit egalisieren, sehe den VfB in Führung gehen, Materazzo eine folgenschwere Einwechslung vornehmen und Bielefeld ausgleichen. Am Ende steht es 1:1 unentschieden. Betretene Mienen allenthalben. Die Saison geht weiter und der DRUCK bleibt hoch. Bei Fußballspielern und Schreiberlingen.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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