traditionell zweitklassig

26. Spieltag: Greuther Fürth – Hamburger SV

Geisterlichter

von Christoph Mack

Herr Lüsum faltete abermals die Hände hinter seinem Hinterkopf. Die Fingerkuppen der einen Hand gruben sich in den Handrücken der jeweils anderen Hand. Sein Blick pendelte zwischen dem Wandkalender, an dem immer noch ein Datum Mitte März rot umrandet hervorgehoben war, und dem Bildschirm seines Laptops, der unmissverständlich darstellte, was seit diesem eingerahmten Datum geschehen war. Seinem Lampenladen in der Steilshooperstraße fehlte ein deutlich fünfstelliger Betrag. Es war Sonntagmittag.  Herr Lüsum war direkt nach dem Mittagessen mit seiner Frau und seinem zwölfjährigen Sohn Fred wieder in seinen Laden gefahren, „die Inventur abschließen“ hatte er als Grund angegeben und sich schon beim Tritt vor die Türe dafür geschämt. Die Inventur war längst abgeschlossen, in den Wochen des von der Regierung verhängten Lock-Downs hatte er schon zigmal jede Leuchte gezählt, jeden Lampenschirm zweimal umgedreht und letztendlich angefangen nicht unbedingt benötige Einrichtungsgegenstände über eine Kleinanzeigenseite im Internet zu verkaufen. Er kämpfte ums Überleben. Die Soforthilfe des Staates versickerte in den laufenden Mietkosten und der Aufstockung der Kurzarbeitergehälter, die er seinen beiden langjährigen Mitarbeitenden Frau Schnarlig und Herrn Frieselow gewährte.
Herr Lüsum war eigentlich ein selbstbewusster, ein optimistischer Mensch, nicht umsonst prangte an der Schaufensterscheibe sein Wahl- und Werbespruch: „Lüsums Lichter - Die Hellsten unter der Sonne.“ Doch mittlerweile war in ihm nicht mal mehr ein fahles Fünkchen Hoffnung. Niemand hatte in den letzten beiden Wochen seit der Wiedereröffnung mehr als eine Glühbirne gekauft. Seine beiden treuen Großkunden hatten ihre für das Frühjahr angedachten Aufträge vorerst auf Eis gelegt. Einnahmen-Ebbe nannte er unterdurchschnittliche Monatsumsätze in der Regel. Doch dieses Mal schien die Flut so weit entfernt wie nie. Herr Lüsum war derart niedergeschlagen, dass er tatsächlich die unterste Schublade seines Schreibtisches öffnete und aus einer vergilbten Schachtel eine Zigarette zog. Normalerweise rauchte er nie, erst recht nicht in seinem Laden. Heute war alles egal. Das ungewohnte Nikotin legte sich wie ein zusätzlicher gräulicher Schleier auf sein Gemüt. Zwischen den Rauchschwaden verschwammen die Zahlen vor seinen Augen. Er dachte an seine Angestellten und wen von beiden er wohl zuerst entlassen müsste. Er dachte an seinen Großvater, der das Geschäft einst gegründet hatte und an seinen Vater, unter dem sich Lüsums Lichter zur ersten Adresse für Leuchtmittel in Hamburg-Barmbek mauserte. Er dachte an seinen Sohn, den er nach seinem Realschulabschluss zum Einzelhandelskaufmann ausbilden wollte.
Ein kurzes, sonores Vibrieren riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Mobiltelefon hatte gesurrt. Die eingegangene Nachricht brachte ihn zunächst zur Verwunderung. Es war eine Push-Nachricht seiner längst in Vergessenheit geratenen Sport-App: „Anstoß: FÜRTH-HSV“. Diese App hatte er doch längst von seinem Smartphone entfernt. Hatte etwa Fred wieder an seinem Handy herumgedrückt? Genervt wischte er die Nachricht weg, doch seine gedankenverlorene Missstimmung war dahin – sie wandelte sich allmählich in sprudelnde Wut. Diese Mafia hatte mal wieder ihren Kopf aus der Schlinge gezogen. Ab heute flossen also wieder fleißig Fernsehgelder. Hygienisch selbstverständlich unbedenklich. Moralisch demnach absolut vertretbar. „Na Hauptsache, die Großen, die Reichen retten wieder ihren gut gepuderten Hintern.“ Letzteres hatte er laut gedacht und dabei seinen Laptop krachend zugeklappt. Er sprang auf, pfefferte seine Zigarette, die indes erloschen war, in Richtung Papierkorb. „Das ist doch krank, das ist doch einfach geisteskraaaank.“ Er konnte sich nicht erklären, warum er sich einmal die festgeschriebene Ablösesummer des dritten Hamburger Torhüters Tom Mickel gemerkt hatte, doch in diesem Moment schlug ihm diese Zahl mitten ins Gesicht. 250.000 €. Damit könnte er seinen Betrieb nicht nur retten, sondern grundsanieren, gegebenenfalls die leerstehenden Nachbarladenräumlichkeiten für mehrere Jahre zusätzlich anmieten und sich nebenbei noch den Traum eines Geschäftswagens ermöglichen.

Irre. Ungerecht. Absurd. Nein. Geisteskrank. Unfassbar. Geradezu beleidigend. Ignorant. Abscheulich. Wahnsinn. Einfach Wahnsinn.
Herr Lüsum schnaufte schwer auf dem Heimweg und dachte mal halblaut mal leise. Als ihm eine Familie mit Kleinkindern auf dem schmalen Bürgersteig entgegenkam, wechselte er die Straßenseite und zog seinen Mundschutz noch tiefer ins Gesicht. Den Kiosk und das Malergeschäft Fricke ließ er links liegen. An der nächsten Straßenecke stand immer noch der Aufsteller von Juris Kneipe, dem „Zebrastreifen“. Auf jedem Balken des stilisierten Logos prangte ein anderer Fußball-Wettbewerb: 1. Bundesliga (keine Freitagsspiele!), 2. Bundesliga (komplett!), Champions League (auch DAZN!), DFB-Pokal (komplett!), Euro League (nur Free TV!). Herr Lüsum war im Begriff erneut die Straßenseite zu wechseln, als Juri aus der Kneipentür geschlurft kam und unter angestrengtem Ächzen den Aufsteller packte. „Hach Hermann, Hoppla. Hallo.“ Herr Lüsum erwiderte die Begrüßung so knapp wie möglich. „Grüß dich, Juri.“
„Sonntagsspaziergang?“ fragte Juri ungewollt unbarmherzig.
„Nee, du. War kurz im Laden.“
„Hmm, grad Scheiße, oder?“
„Joah, es geht so…“
„Wie, geht so?
„Na,ja… Ne. Im Ernst. Hast schon recht. Is echt scheiße. Große Scheiße sogar.“
„Scheiße“
„Ja.“
Juri schaute betreten. Herr Lüsum zögerte, bevor er doch weitersprach.
„Aber bei dir is‘ bestimmt auch nich‘ besser?“
Juri winkte ab.
„Kannst vergessen. Ich mach zu. Ab Juni.“
„Oh“
„Jaa, alles zu teuer. Keine Gäste, keine Geld. Ganz einfach.“
Herr Lüsum schaute zu Boden.
„Das tut mir leid.“
„Grade neue Hocker gekauft. Willst sehen? Muss ich jetzt dann eh verkaufen?“
Herr Lüsum hatte eigentlich keine Lust, brachte es aber nicht übers Herz Juri, der schon wieder halb in seiner Kneipe war, dieses offenkundige Anliegen abzuschlagen und so folgte er ihm in den Innenraum der Gaststätte, die er zu Beginn des Jahres noch regelmäßig besucht hatte. Die Bar, das Herzstück der Kneipe, ragte tief und halbrund in den Raum hinein und wirkte im Halbdunkeln noch mächtiger als sie Herr Lüsum in Erinnerung gehabt hatte. Juri knipste die Thekenbeleuchtung an.
„Da schau. Echtholz. Ahorn. War nich‘ billig.“ Herr Lüsum zog einen Hocker zu sich und setzte sich prüfend darauf. „Joah, nich‘ übel“ war sein Urteil, „hast jetzt noch n Holsten vom Fass für mich?“
Juri musste grinsen. „Hermann, die Zapfanlage is‘ längst leer. Steht doch alles ab.“ „Jaja, war ja nur’n Scherz“ meinte Herr Lüsum entschuldigend.
„Aber ich hab‘ noch n paar Flaschen im Kühlraum, warte kurz.“ Ehe Herr Lüsum widersprechen konnte, war Juri schon im Hinterzimmer verschwunden und kam mit zwei Bieren zurück.
„Musst aber selber aufmachen, wegen Corona“ Juri lachte schallend und Herr Lüsum ließ sich mehr und mehr von seinem Galgenhumor anstecken.
„Kommt nicht auch Fußball?“ Juri war nun ganz in seiner leidenschaftlichen Gastwirtmanier und Herr Lüsum ließ es wortlos über sich ergehen. Beide hatten ihrer jeweiligen Rolle in diesem einst so gewohnten Gesellschaftsspiel so lange entbehren müssen. Nachdem Juri die Fernbedienung gefunden hatte, schloss er die Tür der Gaststätte, setzte sich mit zwei Barhockern Sicherheitsabstand neben Herrn Lüsum und öffnete seinerseits eine Bierflasche. Wenig später flackerten die ersten Bilder über das hochauflösende Display des Flachbildschirms in der Ecke des Raumes. Die zwei Zuschauer im Zebrastreifen sahen ein Spiel vor leeren Rängen, in dem den Gastgebern aus Fürth der erste Treffer gelang, der HSV jedoch postwendend ausgleichen konnte und in der zweiten Halbzeit bald in Führung ging, was Juri dazu bewegte noch eine Runde Holsten zu spendieren. Die anschließend vergebenen Chancen zur Spielentscheidung sollten sich in der Nachspielzeit rächen. Fürth schoss noch den 2:2-Ausgleich und Herr Lüsum Zorn entlud sich in einem Trommelwirbel auf dem Tresen: „Das war so klar, das war so klar.“ „Einen wie Barbarez brauchen die, nur einen wie Barbarez“, lamentierte Juri lautstark. Herr Lüsum redete sich in Rage „Das kann einfach nicht sein. Immer dasselbe. Dieser Verein. Ich pack es nicht. Es muss doch möglich sein gegen Fürth kein Tor mehr zu kriegen. Bei dem was die alle verdienen…“
Hier brach er seine Tirade abrupt ab. Auch Juri blieb stumm. Mehrere Sekunden verstrichen, vielleicht eine Minute.
Dann erhob sich Herr Lüsum: „Tja, Juri, Mensch.“
Juri schaute auf: „Herrmann, du. Machste los?“
„Jo, ich muss dann.“
„Oke“
„Mach’s gut dann. Und, ja. Bis bald. Hoffentlich“
„Jo, ebenfalls. Ahoi.“
Herr Lüsum ging zur Tür.
„Und immer schön langsam vorm Zebrastreifen.“ Auch Juri war ein Mann der werbewirksamen Wahlsprüche und so durfte auch bei dieser Verabschiedung sein verschmitzter Standardsatz nicht fehlen.
Herr Lüsum musste schmunzeln.
„Tschau Juri. Und Danke für das Bier. Und das. Alles. Heute. Das war…doch gut. Irgendwie.“
Juris Augen leuchteten sanft.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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