traditionell zweitklassig

26. Spieltag: SV Wehen Wiesbaden – VfB Stuttgart

So wie Kreisklasse, nur der Rasen is besser.

von Simeon Boveland

Es ist auf allen Kanälen dasselbe zu sehen. Videoausschnitte, Tonmitschnitte und Transkriptionen der Konversationen auf dem Spielfeld. Die Fußballwelt und VfB-Fans müssen sich so schnell nach dem Re-Start wieder aufregen und das nicht mal über den Re-Start an sich (aber dazu kommen wir noch). Schade eigentlich! Schade, weil zwar seit Samstag wieder der Ball in einer europäischen Topliga rollt, es aber alles Geisterspiele mit Mindestabstand und kontaktlosem Jubel sind, jaja. Das Ergebnis: Der Unterhaltungsfaktor liegt paradoxerweise in den leeren Stadien und der neuen Möglichkeit zu lauschen, was die Spieler und Funktionäre so erzählen. Schade aber auch, dass dieser einzige Unterhaltungsfaktor zum Fallstrick des VFB wurde. Schade, aber irgendwie auch klar.

Aber was war passiert?

Einerseits:

Der VfB spielt als hätte es keine zwei Monate Pause gegeben. Alles wie immer. Der VfB schnürt Wiesbaden ein und dominiert das Spiel. Macht eine 100%ige nicht, lässt die Zügel schleifen, geht mit einem 0:0 in die Pause und bekommt direkt im Anschluss den Gegentreffer. Kämpft sich wieder mühsam ran, macht das 1:1 (wobei der Torwart dem Ball selbst aus so kurzer Distanz nur knapp ausweichen konnte). In der letzten Minute und beim gegnerischen Eckball dann das vermeintliche Handspiel. Wer weiß? Niemand weiß. Niemand sieht es. Ist ja keiner da. Anscheinend auch nicht Schiedsrichter Stegemann und der VAR. Ach, was haben wir in dieser Saison schon über die Handspielregel gestritten?

Andererseits:

Schon wieder nimmt Fußball einen riesigen Raum ein, dabei gab es in den letzten zwei Monaten ganz andere Probleme. Auch der Ball in der Bundesliga ruhte, weil nämlich der

Fußball eben nur die schönste Nebensache der Welt und damit per Nomen schon traditionell zweitrangig ist.

Was in den letzten Monaten über marode Unternehmensstrukturen der Bundesligavereine, die sich zu gewissen Zeiten nicht scheuen Millionen für die Leistung eines hoffentlich bald Angestellten auszugeben geschrieben wurden, war doch einigermaßen überraschend. Auf Knien oder mit direkten Forderungen wurden die Arbeitnehmenden angebettelt von Verträgen zurückzutreten, um zum Beispiel auf Gehalt zu verzichten (außen vor lassen wir mal die Summen dieser Gehälter). Fans, die sonst die Kosten überhöhter Stadionpreise bezahlen, sollen nun auch in Krisenzeiten zu ihrem Verein stehen und das am liebsten finanziell mit dem Verzicht der Rückzahlung bereits gekaufter Eintrittskarten.

Nachvollziehbar, dass alle die Einschränkungen aufheben wollen. Aber mit welcher Vehemenz und Verweis auf die Solvenz der Vereine, die mit Millionen jonglieren, das war überraschend und am Ende stehen doch die Bürokräfte in der Geschäftsstelle vor dem Aus und keine hochbezahlten Aufsichtsratsposten. Das will keiner. Den Menschen der Gesellschaft wurde aber die Wiederaufnahme der Bundesliga als Lichtblick verkauft. Die Menschen bräuchten Hoffnung in dieser Zeit und diese Hoffnung soll ein Spiel sein, das ohne Zuschauende seinen Reiz und seine Bedeutung verliert. Die Gladiatoren in den Arenen sollen das Volk unterhalten. Brot und Spiele. Opium für das Volk. Was bedeutet es schon?

Und nu?

Sein wir mal ehrlich: Das Beste am Re-Start und den leeren Stadien war doch, dass man mal die Trainer und Spieler fluchen hörte und eigentlich auch die Unsicherheit der Schiedsrichter durch das Zerrbild der Souveränität erblicken konnte. Verständlich bei dem Druck, der auf ihnen lastet. Für Unbeteiligte mag also auch die Leistung und das ewige Fragen von Stegemann erfrischend gewesen sein. Nur nicht für die VfB-Fans, die in der 90. Minute und mit der letzten Aktion einen zweifelhaften Elfer bekamen.

Hinfällig die ewig andauernde Hand-Diskussion. Dahin auch die Frische der Zwischenrufe. Um nämlich zum „Seien wir mal ehrlich“ zurückzukommen: Das ist doch nichts. Ohne Fans und Stimmung hebt sich die spielerische Leistung einer Profimannschaft kaum von einer eingespielten Kreisliga-Mannschaft ab und dann ist es mir doch lieber, wenn der Schall auf dem Ascheplatz nicht von den Rängen widerhallt. Bier ist billiger, Wurst ist billiger und alle Spieler werden sich für die Zeit der eiternden Knie an dieses legendäre Spiel erinnern.

Ich habe den Fußball vermisst und eben auch nicht, weil es Dinge gibt, die wichtiger sind, weil Fußball eben nur eine Nebensache ist. Jetzt rufe ich euch zu: Macht Schluss! Brecht die Saison ab und fangt im Herbst von vorne an. Dabei staube ich meinen Laptop ab und mache mich an die Arbeit.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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