traditionell zweitklassig

27. Spieltag: Hamburger SV – Arminia Bielefeld

Ein hochkonzentrierter Vortrag

von Simeon Boveland

Zusammenfassung:

Der HSV kommt vor dem Spitzenspiel am kommenden Donnerstag langsam in Fahrt. Zwar wurde in den letzten beiden Spielen nach der Wiederaufnahme kein Sieg geholt, aber verloren wurde auch nicht. Der direkte Konkurrent aus Stuttgart würde das auch gerne von sich behaupten. Wie der HSV aber in dem gelobten Land der Bundesliga gewinnen will, wenn es nicht einmal in der Zweiten Liga funktioniert, soll hier nicht weiter erörtert werden. War es doch immerhin Bielefeld, der Tabellenführer, und Fürth, naja, Fürth ist ne harte Nuss, die muss man erst einmal knacken. 

Ich will nicht prahlen, aber meinen Angelschein habe ich mit 60 von 60 Punkten bestanden. Ich weiß, dass Äschen nach Thymian riechen, dass das Blut der Aale nicht so toll ist und Nasen Nasen heißen, weil Nasen eben… Theoretisch bin ich also der Bezwinger der sieben Weltmeere. Neptun mein Sohn, Moby Dick mein gefräßiges Haustier. Ich bin Herr Simeon von und zu Angel. Ich habe den Sport erfunden und habe meiner untertänigsten Gefolgschaft das Angeln geschenkt wie Prometheus den Menschen das Feuer. In der Theorie. In der Praxis ist mir nicht ganz klar, warum ich lieber Spinner statt Blinker, Naturköder statt Wobbler nehmen sollte. Sollte ich doch besser mit dem Gedanken spielen, die Angel ohne Köder in den Fluss zu werfen?

Das mit dem Angelschein war eine Schnapsidee. Wegen der Liebe in den Süden gezogen habe ich hier einen Leidensgenossen getroffen. Eigentlich ein netter Typ. Seine einzige Geschmacksverirrung zeigt er in der Wahl seines Vereins: St. Pauli. Aber so kam es, dass wir in der letzten Saison zusammensaßen und das Rückspiel zwischen unseren beiden Lieblingsvereinen gesehen haben. Damals ein solides 4:0, was nur bei meinem Kumpel den Appetit auf Matjes verdarb. In der Halbzeit – damals stand es nur 1:0 – hatten wir die glorreiche Idee einen Angelschein zu machen. Gründe wurden in Geburtsverpflichtung, entfernter Faszination, archaischem Jagddenken und Lernwillen gefunden. Und so saßen wir im Herbst im Angelkurs und waren in der Ecke wirklich die einzigen Anfänger und Ahnungslosen. In den Pausen gingen Bilder von metergroßen Welsen herum, die schon – und natürlich schwarz – gefangen wurden und nur wir zwei Seegurken mussten erst einmal lernen was ein Wels überhaupt ist. Ganz schön durchbeißen mussten wir uns, aber gefeiert wurde am Ende mit nem Küstenpils, Fischbrötchen und nem Rutenkauf. 

Der erste Angeltrip fiel flach wegen Januar. Der zweite wegen Sturm Sabine. Mitte Februar hatten Forellen noch Schonzeit und dann war da Corona. Das alles denke ich, als ich im gleichen Moment mit dem Anpfiff zwischen dem Hamburger SV und der Arminia meine Rute auswerfe und mit allem was das Köder-Arsenal hergibt auf den Zielfisch gehe. Mein Nebenmann, altbekannter Leidensgenosse, hat da mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Pauli hat wieder eine gescheppert bekommen, die Rute macht nicht so richtig mit, aber immerhin hat er schon ne Rotfeder gefangen. Und so hocke ich armer Schneider in den schwäbischen Niederungen an diesem pittoresken Ort, der malerischer nicht sein könnte. An den HSV kann ich kaum denken. Keine Zeit. Angeln ist Geduld. Angeln ist eine Tugend. Außerdem gibt’s es keinen Empfang. Aber mal ganz ehrlich: Wer kommt denn auf die Idee ein Spiel am Sonntag um 13.30 Uhr anzusetzen? Das ist doch eine Unverschämtheit, oder? Und was ist jetzt mit den Glasfaserleitungen? „Edge“, meistens aber das noch unerfreulichere Symbol: Ein leeres Dreieck wo sonst Striche wären. Schlimmer nur die Information „Notruf“. Was habe ich mir hier eingebrockt? Mit etwas viel Schmackes oder Zorn schleudere ich den Haken mit der künstlichen Bienenmade, die nach Knoblauch riecht, in das gegenüberliegende Gebüsch. Ich flippe aus und stelle mir vor wie Sonny Kittel gerade jetzt was Tolles anstellt und danach jubelnd Richtung leere Nordtribüne abdreht, am Zaun rüttelt – 25 A dort wo ich früher immer stand – und seinen Schweiß in die ekstatische Menge sprüht. Nicht ganz realistisch, aber so sehe ich es vor mir, fast so genau wie die vier forellenähnlichen Schemen im trüben Wasser unter dem Baum gegenüber. Hinge meine Knoblauch-Kunst-Bienenmade nicht in eben diesem Baum, sondern hätte ich sie den Forellen direkt auf den Kopf geworfen, sie hätten den Köder trotzdem nicht geschluckt, weil heute einfach nichts klappt. Ich kann machen was ich will, der Fisch will nicht an Haken. Während ich mich frage, woran es gelegen hat, avanciert Bielefelds Torhüter Ortega in Hamburg schon nach wenigen Minuten zum Spieler des Spiels. Wäre es ein größeres Erlebnis am Abend eine Forelle zu grillen oder dass der HSV den Abstand auf Bielefeld verkürzt? Eine müßige Frage: Im Fernduell „Not gegen Elend“ oder „kann nicht gegen will nicht“ war kein Sieger auszumachen. 

Beweise dafür gab es zu genügend. Das Ufer blitzte und blinkte mittlerweile vor abgerissener Blinker und Leibold köpfte den Ball an den Pfosten. Das sagt eigentlich alles. Fehlt nur noch, dass der HSV wieder ein spätes Tor bekommt.

Ich sitze mit leeren Händen wieder im Auto. Meine Arme schmerzen und meine Wangen sind gerötet. Da war mehr drin. Im Fußball heißt es, dass der Knoten irgendwann platzt. Hoffentlich im nächsten Spiel, gegen Stuttgart, das wäre schön. Wer sich nicht mehr recht entsinnen möchte, wie damals das Hinspiel ausgegangen ist, der kann das Ergebnis beim werten Kollegen Mack nochmal nachlesen.Ich will nach diesem Tag und bis Donnerstag erst einmal tiefstapeln, ich will es mir nicht mit allen verscherzen. Sollte der HSV verlieren, dann kann ich auf diese herbe Klatsche der Hinrunde verweisen, gewinnt der HSV, dann markiere ich den coolen, gönnerhaften Fußballverständigen á la „kann passieren“ „sei es drum“ „Kopf hoch“ „wird schon wieder“ „beim nächsten Mal“ „noch ist alles drin“, halt eben all das, was mein Kumpel sagte, als ich mich ohne Forelle und gänzlich ohne Fisch auf den Rückweg machte

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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