traditionell zweitklassig

27. Spieltag: Holstein Kiel – VfB Stuttgart

Weiter so

von Christoph Mack

Schaffen wir erst einmal Fakten: Der VfB hat in Kiel mit 2:3 verloren und ich habe von diesem Spiel nicht eine einzige Sekunde gesehen. Mein Nervenkostüm wurde somit geschont und ich kann mit Fug und Recht behaupten keine Erklärungen für exakt diese erneute Niederlage zu haben. Mir bleibt also nur die Möglichkeit einer distanzierten Grundsatzreflexion.
Als leidgeprüfter Anhänger des Vereins mit angeborenem Hang zum Bruddeln, ist man in einer Situation wie der derzeitigen schwer versucht alles in Frage zu stellen. Doch wenn man dies ernsthaft und unabhängig des jüngsten Frustrationserlebnisses tut, kann man eigentlich nur zu einem logischen Schluss kommen: Es ist komplett unlogisch, dass der VfB derzeit so strauchelt. 

Betrachten wir zunächst die Mannschaft, gespickt mit individuellem Potential, dass immer wieder unweigerlich aufblitzt. Mit jungen, hungrigen Spielern (González, Silas, Massimo, Kobel) mit erfahreneren Recken (Castro, Kaminski), mit Stars, die vorangehen können und sich teils durch authentische Vereinsverbundenheit (Didavi, Gomez) teils durch unerschütterlichen Ehrgeiz (Badstuber) auszeichnen. Sämtliche Lizenzspieler sind gestandene Erstliga-Profis oder haben mindestens eine ausgezeichnete Zweitligaspielzeit vorzuweisen. Die Altersmischung wirkt ausgewogen, die Harmonie im Team intakt. 

Der Trainer scheint grundsätzlich einer von genau dem Schlag zu sein, den man im Verein und im Umfeld schätzen sollte. Ohne großen Namen, unverbraucht, intelligent, modern, jung, innovativ. Keiner der Riege Trapattoni, Stevens, Labbadia, Weinzierl, die man schon zuhauf hatte, eher einer, der in die Reihe der letzten Hoffnungs- und Sympathieträger um Hannes Wolf und Nico Willig passt. Kein Lautsprecher und Selbstdarsteller, wie es seinem Vorgänger vorgeworfen und wohl schlussendlich zum Verhängnis wurde. Ein ruhigerer, besonnenerer Typ. Alles Eigenschaften, die in der derzeitigen Situation vonnöten wären. 

Entscheidenden Anteil an seiner Verpflichtung hatten Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat. Beides angesehene, fähige Menschen auf ihren Positionen. Hitzlsperger einerseits mit Strahlkraft nach außen, als Vorbildfunktionär mit omnipotenter Vorbildfunktion, andererseits ein klarer, eloquenter Kommunikator mit natürlicher Autorität und dem nötigen Blick über den Tellerrand. 
Die Verpflichtung Sven Mislintats löste seinerzeit erwartungsfrohe Begeisterungsstürme rund um den Wasen aus. Seine Top11 an entdeckten Talenten wäre ohne Weiteres international konkurrenzfähig, sein exzellentes Auge, sein Netzwerk und sein Sachverstand sind unbestritten beachtlich und dürften ihm auch nicht in den letzten Wochen und Monaten abhandengekommen sein. 

Eine Stufe weiter oben sitzt seit kurzer Zeit ein Präsident namens Claus Vogt, der zurückhaltend und besonnen agiert, der sich meist im Hintergrund hält, sich nicht aufspielt. Genau dies wurde allseits herbeigesehnt, nachdem sein Vorgänger eine exakt gegenteilige Amtsausübung an den Tag gelegt hatte. Ruhe sollte einkehren in diesen Verein, denn auch das Fehlen jener wurde in der Vergangenheit oft als Faktor dafür ausgemacht, dass der Verein sportlich permanent unter seinen Möglichkeiten blieb. 

Die finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen des Vereins für Bewegungsspiele unterstreichen nur das Fazit, dass sich aus all diesen Betrachtungen ergibt: 
Es ist vollkommen unlogisch, dass dieser Club sich derzeit derart schwertut. 

Die direkt involvierten und handelnden Personen könnten (und werden vermutlich auch) mit ihrer Situationsanalyse sicherlich noch gründlicher ins Detail gehen und ihren Finger in Wunden legen, die den derzeit noch entfernteren Beobachtern gänzlich verborgen bleiben. Gerade hinsichtlich des anstehenden Spitzenspiels gegen den Hamburger SV müsste doch nun nochmal alles und jeder auf den Prüfstand, um den, ironischerweise noch immer aus eigener Kraft möglichen, Aufstieg nicht endgültig zu verspielen. Meine subjektive und durchaus ernstgemeinte Devise für das kommende Heimspiel lautet dagegen genauso zwingenderweise anders: 

Weiter so!

Denn angesichts des momentanen Trends erwartet den VfB am Donnerstag ein ähnlich desaströses Ergebnis wie bei der 2:6 Niederlage in der Hinrunde. Das wäre logisch. Und genau DAS ist beim VfB doch derzeit gar nichts. 

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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