traditionell zweitklassig

28. Spieltag: VfB Stuttgart – Hamburger SV

Das wird wild

von Simeon Boveland

Vorgeschichte:

11.02.2020, 19:01 Uhr

„Jungs, Stuttgart Stehplatz ist gesichert.

Das wird richtig geil. 6 Stück.“

11.02.2020, 21:08 Uhr

„Ey, das wird richtig geil. Wir 3 auswärts im Steher!“

12.02.2020, 10:30 Uhr

„Aus Hamburg wird es ne Meute von 20 Leuten, laut Büddi.“

12.02.2020, 10:31 Uhr

„Das wird wild.“,

schreibe ich und meine es auch so. Meine Gedanken rasen. So viel Bettwäsche haben wir nicht, so viel Platz haben wir auf keinen Fall. Aber so steht es jetzt. Es ist der Zwischenstand eines fixen Plans an Weihnachten. Meine Brüder und ich, das erste Mal alle gemeinsam auswärts im Stadion. Wenn unsere Farben gegen den direkten Stuttgarter Konkurrenten spielen. Ob das gut gehen kann? „Aus Hamburg wird es ne Meute von 20 Leuten, laut Büddi.” Büddi! Büddi hat das klar gemacht. Büddi is ‘ne Legende. Fanclubvorsitzender, HSV-Junkie, Maschine.

„Büddi macht das klar“, hat mein Bruder an Weihnachten gesagt und ihm direkt geschrieben. Büddis Antwort: „Wie viele?” „Der fackelt nicht lange“, lacht mein Bruder. Wir sagen 6 und denken, dass wir die schon wegkriegen. Das ist immerhin der VfB gegen den HSV. Die Meute aus 20 Leuten besteht jetzt nicht nur aus meinen beiden Brüdern, sondern auch aus meinem Cousin und meinem Onkel, meinem Kumpel und längsten Stadionbegleiter in Personalunion (mit Mo war ich nach meinem ersten Spiel immer im Stadion. Erst hat seine Familie mich mitgenommen und dann hatten wir gemeinsam unsere Dauerkarten) und seiner hochschwangeren Frau. Das ist Liebe (zu ihm, zum HSV, is doch egal!). „Aus Hamburg wird es ne Meute von 20 Leuten, laut Büddi.“

28.05.2020, 23:43 Uhr

Kein Mensch hatte Büddi je so lange schweigen sehen. Ich schon mal gar nicht. Ich weiß gar nicht mehr ganz genau, wann und wo wir uns kennengelernt haben. Entweder am Borger mit ‘nem Bier in der Hand oder erst im Stadion gegen Hoffenheim? Das war kurz vor meinem Umzug in den Süden, in der Saison in der der HSV abgestiegen ist. Nach diesem ungefährdeten und überzeugenden Sieg lagen wir uns in den Armen und wussten, dass in dieser Form der Abstieg kein Thema sein sollte. Aber es war der Anfang vom Ende. Es gab also schon schlimme Niederlagen. Niederlagen, die Büddi das Aufstehen am nächsten Morgen erschwert hatten. Niederlagen, die körperlich schmerzten, aber heute war es anders. Biere wurden aufgetischt und standen unberührt vor der büddi´schen Salzsäule. Unter dem Tisch rollte ich aus Rastlosigkeit und Aufgebrachtheit eine Zigarette nach der anderen. Eine steckte ich Büddi in den Mund. „Was das denn für ‘ne Zecken-Flöte“, hätte er an anderen Tagen gesagt. Der strikte Nichtraucher hatte immer eine Packung Malboro Gold in der Tasche – „für Notfälle“. Diesmal sagte er nichts, beugte sich – ohne die Hände zu benutzen – zur Kerzen herunter und zündete die Zigarette an. Traurigkeit blitzte in seinen Augen auf, wieder starb ein Seemann. Hätte ich in seinen Kopf schauen können, dann hätte ich dieses windende Geschöpf gesehen. Ein Film der letzten Stunden:

28.05.2020, 10:22 Uhr

Der Plan war der gleiche Plan wie alle zwei Wochen: „Neuner und ab!“
Als der Tross dann über die B14 eintrudelte, war die hintere Reihe voll und Clemens – selbsternannter Fahrer „aber nur auf dem Hinweg“ dozierte: „Ey, Leute, echt faszinierend: Das hier ist die schmutzigste Kreuzung Deutschlands. Zieht euch das mal rein.“ Der letzte Satz ging unter. In der letzten Reihe kam nach der „Kreuzung“ ein ruppiges: „Fein-Staub-Aaaaalaaaaarm, schaaa-laaa-laaa-laaa-laaa-laaa-laaaaaaa, schalalalalalalaaaaaaa!“ Durch den Rückspiegel grinste Clemens Büddi an. „Na, ist geil ne?!“
Als gutes Omen wurde auch akzeptiert, dass der gemietete Neunsitzer zwar voll wie ein Schulbus war, aber plötzlich neben dem blauen HSV-MAN stand. Die hintere Reihe klopfte an die Scheibe und animierte den Fahrer zum Hupen. Aber plötzlich hatte Büddi ein schlechtes Gefühl, hatte er selten bis nie, aber er hatte es und da war ihm kein gutes Omen gut genug. Da grummelte Etwas in ihm. Er hatte ein Gefühl, aber mit einem Gefühl brauchte er den Jungs nicht kommen, nicht jetzt, nicht mit dem HSV-Bus auf der Nebenspur.

28.05.2020, 21:27 Uhr

2:0 zur Pause. Den VfB im eigenen Stadion deklassiert. Nicht den Hauch einer Chance. Die größte Chance war, als der „Stürmer“ den Ball ins Seitenaus klärte. Wahnsinn waren die schlecht. Er erinnerte sich an das Hinspiel, 6:2. Damals schon zu hoch, auch wenn die Stuttgarter da auch unterirdisch schlecht waren. Was kam? Selbst in dem Spiel unnötige Gegentore und dann das unnötige Aus im DFB-Pokal. In der Kurve war die Stimmung ausgelassen, aber Büddi hatte noch immer dieses Gefühl, dieses Gefühl sich zu früh gefreut zu haben.

29.05.2020, 00:59 Uhr

Das Spiel war fast vergessen. Das Bier floss. Helles kann man zwar kaum dauerhaft saufen, aber es ging trotzdem rein. Mein Körper würde heute Nacht rebellieren, das war klar. So viel Nikotin wurde ihm noch nie zugeführt. Büddi saß und saß. Es gab eben solche Niederlagen und solche. Plötzlich schlug er beide Fäuste mit voller Wucht auf den Tisch, sprang auf, dass der Stuhl nach hinten kippte und zu Boden fiel. Im Laden war es mucksmäuschenstill. Mit einer grenzdebilen Grimasse drehte er sich zu uns um. Er hob das Bier, dass es in alle Richtungen spritzte, breite die Arme aus:

„Wenigstens können wir nächste Saison wieder zu den Luschen nach Bremen fahren!“

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official