traditionell zweitklassig

28. Spieltag: VfB Stuttgart – Hamburger SV

Siegerschluck

von Christoph Mack

Der Schauplatz unseres Sommermärchens war der Bregel, ein Grillplatz vor dem CVJM-Freizeitheim am Rande des heimischen Wohngebiets. Schon zu den WM-Gruppenspielen hatte jener Platz – beziehungsweise die dort aufgebaute Großbildleinwand - sämtliche Fußballinteressierten des Esslinger Nordens zum gemeinschaftlichen Fernsehschauen zusammengespült. Hier traf man nicht nur Mannschafts- und Schulkameraden, sondern wenn man Glück hatte auch seinen Schwarm aus der Mittelstufe und wenn man Pech hatte die eigenen Eltern.
Mittendrin meine Clique, im besten Teenageralter, stolz schon legal ein Bier trinken zu dürfen und zu stolz um zuzugeben, dass es noch gar nicht so gut schmeckte. Beinahe rituell hatten wir bislang jeden Spieltag der deutschen Nationalmannschaft mit einem Grillfest in Lars‘ oder Max‘ Garten eingeläutet, bevor wir ausreichend aufgeheizt die 75 Höhenmeter zum Bregel hinaufprozessierten.

So auch am Tag des Viertelfinales gegen Argentinien, an welchem wir sogar noch einen besonders begehrten Platz auf einer der wenigen Holzbänke im vorderen Bereich ergattern konnten. Und auch das Spiel war besonders – nicht hochklassig, aber spannend. Ein Duell auf Augenhöhe. Und das gemischte Fußballpublikum auf dem Bregel spiegelte dies wider – in manchen Momenten war es so still wie im Kino. Jeder bekämpfte die geradezu greifbare Nervosität auf seine Weise – wir blieben in Bewegung, pendelten zwischen Dixi-Klo, Getränkestand und Holzbank. Bis zum unvermeidlichen Elfmeterschießen.

Ich hatte mir gerade ein lauwarmes Bier mitbringen lassen und trank viel zu schnell. Das dauerte aber auch. Die Frage nach den Schützen, der Zettel von Lehmann, die aufmunternden Worte von Oliver Kahn. Bis die Seitenwahl beendet war, bedeckte lediglich noch ein letzter, feuchter Rest den Flaschenboden. Oliver Neuville trat zum ersten Elfmeter an und traf. In einem Anflug an augenscheinlich alkoholbedingtem Aberglauben stellte ich meine fast leere Flasche unter die Holzbank. „Das ist der Siegerschluck“ sagte ich insgeheim zu mir. Im nächsten Moment verwandelte Julio Cruz eiskalt für Argentinien zum 2:2. Scharf geschossen, links oben, keine Spur von Nervenflattern und meine Siegeshoffnung war augenblicklich wie weggewischt. Selbst als Ballack traf und Ayala für Argentinien vergab, änderte sich meine Gefühlslage nicht. Alle Menschen auf dem Bregel standen mittlerweile. Bei Podolskis Elfmeter wurde mir die Sicht auf die Leinwand verdeckt und einen wohlgemeinten Schulterklopfer, der mich beinah in die Knie zwang, deutete ich dahingehend, dass der Versuch erfolgreich gewesen sein müsste. Bei Borowskis Elfmeter sah ich nicht einmal hin. Tor. Jetzt lief Cambiasso für Argentinien an, TV-Kommentator Reinhold Beckmann vergaß seine professionelle Unparteilichkeit und sprach aus, was sich alle Menschen um mich herum wünschten: Cambiasso sollte Nerven zeigen. Er tat ihm und uns den Gefallen. Lehmann hielt und jubelte eiskalt.

Um mich herum vergaß man jegliche Contenance. Unzählige unnatürlich weit aufgerissene Münder, sämtliche umarmungswillige Gliedmaßen und Wogen von Speichel, Schweiß und Freudentränen überschütteten mich. Denn ich war indes abgetaucht. Die eine Faust vor Freude geballt und in der anderen mein vorsorglich weggestelltes Getränk.
Der letzte Rest darin war mittlerweile vermutlich standesgemäß schal geworden, doch selbstverständlich wurde in diesem Moment mein Geschmackssinn von der enormen Endorphinausschüttung übermannt. Der Siegerschluck schmeckte süß und ich war mir sicher meinen Teil zum Mannschaftserfolg beigetragen zu haben. Ein unvergesslicher Moment.

Doch warum ich knapp 14 Jahre später in der 87. Minute des Spiels VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV beim Stand von 2:2 diese alte Tradition wiederaufleben ließ und den letzten Bierrest in meiner Dose instinktiv neben mich stellte, anstatt ihn auszutrinken, ist mir bis heute schleierhaft. Meinen persönlichen Sommermärchen-Move hatte ich noch zu fortgeschrittenen Teenage-Zeiten überstrapaziert und mir folglich abgewöhnt. Doch als Gonzalo Castro in der 92.Minute zum 3:2 einnetzt und der Schiedsrichter kurz danach abpfeift, schmeckt der Siegerschluck so süß wie anno dazumal. Pelegrino Materazzo, der - ebenfalls im „Instinktmodus“ - den Treffer ausgelassen mit seinen Spielern an der Eckfahne feiert, wird ebenjenen Augenblick in Nachhinein als einen seiner „Top 3-Momente“ als Fußball-Coach bezeichnen. Und auch ich muss lange zurückdenken, wann ich, seit dem Sommertag im Jahr 2006, von diesem Sport zuletzt auf so wundersame Weise emotional bewegt wurde.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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