traditionell zweitklassig

29. Spieltag: Dynamo Dresden – VfB Stuttgart

Fantasy Football

von Simeon Boveland

Der 29. Spieltag ist rum und die Saison biegt mit Verzögerung auf die Zielgerade ein. Jetzt beginnt das große Rechnen, das nach taktischem Vermögen trachtet und Bauchlandungen nach sich ziehen kann. Es ist wie zu Beginn einer jeden Saison mit den verschiedenen Tipp-Gemeinschaften. Anfangs sind noch alle motiviert und tippen schon Tage im voraus, dann wird abgewartet: Was, wenn die medizinische Abteilung die Adduktorenprobleme des Stars nicht in den Griff bekommt? Wird die Verspätung zum Training Folgen für den Topscorer nach sich ziehen? Mit der Aufstellung wird also bis in den späten Freitagnachmittag gewartet. Mir nichts dir nichts wird es dann aber doch vergessen. Keine Punkte. Ist doch scheiße. Vor allem weil am letzten Spieltag die Ergebnisse auch schon ausblieben. So sicher war man da, dass die Heimmannschaft das Derby nach der letztjährigen Abreibung für sich entscheiden würde. Dass die Mannschaft aus dem Keller mit dem neuen Trainer nun den ersten Dreier einfahren würde. Aber nein! Und dann führt der Naseweis auch noch die Tabelle an, der sich so Nullinger für Fußball interessiert. Wahllos ein 2:1 getippt, hier ein richtiges Remis. Da bringt alles Sinnieren und Taktieren nichts, am Ende scheint es also doch ein Glückspiel zu sein und der hochgejubelte Nachwuchsspieler eben doch noch nicht so weit wie man selbst von der Couch dachte. 

In eine ähnliche Phase des Taktierens und Sinnierens biegen wir nun also ein. Seit Stunden starre ich auf die Statistiken des letzten Spiels und die Tabelle in der Zeitung, auch weil der Spielbericht so spärlich daher kam: „Pflichtaufgabe erfüllt - Der VfB Stuttgart gewinnt gegen Dynamo Dresden und sichert den zweiten Platz. Im ersten Spiel nach Corona war den Sachsen die verlängerte Zwangspause anzumerken. Hier ein Stockfehler, da einen Schritt zu spät, dort das Abseits aufgehoben. Früh und spät in der Partie trifft der Favorit und gibt sich keine Blöße.“ Also zurück zur Statistik: Was wen der jetzt alles gewinnt und wir unentschieden spielen, dann… Und Heidenheim wieder auf dem vierten Platz. Das Vizekusen der Zweiten Liga. Können die überhaupt – also nicht theoretisch, sondern rein praktisch – auf den dritten oder zweiten Platz springen? Das ist ja ein ganz anderer Druck als entspannt die Großen jagen…

Aber in bester Jürgen-Klopp-2010/2011-Manier sollten wir „nur auf uns schauen“ und „von Spiel zu Spiel denken“. 

Also: 29 von 34 Spiele sind absolviert und damit stehen 5 noch aus. 5 Spiele mal 3 Punkte macht 15 Punkte. Wir haben 2 Punkte Abstand auf den Dritten, die haben aber ein besseres Torverhältnis. Das heißt, dass es theoretisch nicht reicht am Ende drei Punkte weniger als der Dritte zu haben. Anders sehe das jetzt zum Beispiel beim Vierten Heidenheim aus. Stand jetzt könnte man am Ende gut und gerne ein Spiel mehr als Heidenheim verlieren (vorausgesetzt alle beiden Mannschaften würden sonst alle Spiele gewinnen), wobei fünf Tore Differenz natürlich auch kein fettes Polster sind. Das ist kniffelig. Alle Spiele gewinnen wäre natürlich die eleganteste Lösung, da käme niemand hinterher. Aber dass der HSV alle Spiele gewinnt? Irgendwie auch unwahrscheinlich. Und Heidenheim? Gegen wen spielen die denn überhaupt noch? Erster werden wir ja bestimmt nicht mehr oder lässt sich Bielefeld, 5 Punkte voraus und ein Spiel zurück, das noch nehmen? Schwer zu sagen. Den Druck will ich denen schon seit der Rückrunde andichten. 

VfB Stuttgart – Osnabrück 

Die Stuttgarter ziehen weiter als Totengräber durch die Liga. Mit den Ausnahmen Kiel, Hamburg und Darmstadt mussten und müssen die Schwaben gegen die letzten Fünf, quasi die low five, ran. Fluch oder Segen? Es ist allseits bekannt, dass der Traditionsverein mit traditionell hohen Ansprüchen seine liebe Not mit den vermeintlich Kleinen hat. 

Der VfB gewinnt aber souverän und unspektakulär mit einem nie gefährdeten 2:1.

Karlsruher SC – VfB Stuttgart 

Hieß es in der letzten Woche „friss oder stirb“ ist die Konstellation heute ganz neu gewickelt. Keine Rolle spielt die Platzierung im baden-württembergischen Gipfeltreffen. Möchte man zumindest meinen. Nach den Zärtlichkeiten im Hinspiel werden nun ganz neue Saiten aufgezogen. Spielt da bei den Mannen aus der Fächerstadt auch noch die Behandlung der eigenen Fans in der Landeshauptstadt eine Rolle? Es wird gebissen und gekniffen und auch wenn es im Stadion keine Menschenseele sieht, der Rasen brennt, wie Trainer Materazzo vor dem Spiel versprach. Drei rote, sieben gelbe Karten und zwei Elfmeter sprechen eine deutliche Sprache. Der KSC erarbeitet sich völlig überraschend einen Punkt und der VfB muss sich nach der harten Gangart des Gegner erst einmal die Wunden lecken. Eine ganz bittere Pille ist die Verletzung vom Mittelfeldmotor. 

VfB Stuttgart – Sandhausen 

„Dennis Diekmeier – Fußballgott“ steht an der Fassade der einzigen Bäckerei Sandhausens und diese Reinkarnation von Torgefahr hätte wohl keiner mehr für möglich gehalten. Die Sandhausener Löwen, wie sie sich kabinenintern auch gerne rufen, gehen mit breiter Brust und vier Siegen in Folge in die Partie gegen den VfB, der nun nach einem kleinen Hänger einen weiteren Schritt Richtung Oberhaus machen möchte. Das rasant beginnende Spiel ebbt ebenso rasant wieder ab. 20 Minuten vor der Pausen entwickelte sich eine Fußballschachpartie zweier Mannschaften, die diesen Sport scheinbar zum ersten Mal ausüben. Der in der 89. Minute eingewechselte Gomez macht der müden Arbeitsverweigerung seiner Kollegen ein Ende und nickt nach einer Ecke humorlos ein. Schade für Sandhausen, dass es die Ecke niemals hätte geben dürfen. Wenn aber Unfähigkeit den blinden VAR trifft, dann ist ein Punkt auch nicht verdient.

1. FC Nürnberg – VfB Stuttgart 

Als im Sommer 2019 der Spielplan herauskam und dort zu lesen war, dass am vorletzten Spieltag der Saison die beiden Absteiger aus der ersten Liga aufeinandertreffen würden, da rieb sich schon die ganze Liga die Hände. Zwar weiß mittlerweile sogar die Zuschauerschaft des „Doppelpass“, dass die Zweite Liga die spannenste Liga ist, aber so einen Krimi hätten sich nicht einmal Sebastian Fitzek und Håkan Nesser in ihren kühnsten Träumen ausgedacht. Und als sich die beiden nun an diesen Gedanken gewöhnt hatten, rieben sie sich erneut die Augen. Bis zuletzt steckt der 1. FCN im Abstiegskampf und auch der Dreier gegen Stuttgart bedeutet nicht das rettende Ufer. Aber es war „ein Prestigeerfolg“ wie die Nürnberger nach dem Spiel einmündig ins Mikrofon sprachen. Am Ende der Saison wird man sehen, was von diesem Prestige noch zu kaufen ist.

VfB Stuttgart – Darmstadt 

Die Hessen sind das einzige Team der letzten Begegnungen, das im „Mittelfeld“ steht, also mit dem Abstieg nichts mehr zu tun hat und nicht mehr wirklich um den Aufstieg spielt. Wäre das Stadion nicht leer, würden den Darmstädtern ganz schön der Stift gehen. Die Fußballfreunde von Commando Cannstatt haben mit der tollen Choreographie ganz nebenbei noch einen neuen Weltrekord aufgestellt. Es ist die größte, aufwendigste und teuerste Choreo in einem leeren Stadion. Die Spieler freut das natürlich, auch weil die vielen Stoffbahnen, die das Stadion einen roten Brustring angezogen haben, die teils hysterischen Schreie des Abwehrchefs schlucken. Zum Schlucken gibt es nach Abpfiff allerdings noch nichts. Auf den anderen Plätzen wird noch gespielt und einen Assauer-Gedächtnis-Lauf will sich Hitzlsperger dann doch ersparen.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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