traditionell zweitklassig

30. Spieltag: Hamburger SV – Holstein Kiel

Abo-Meister

von Simeon Boveland

Gauliga Nordmark, Saison 1938/1939

Später würde in den Geschichtsbüchern stehen: „Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges war die Welt noch in Ordnung“. Und das war sie auch als Old Erwin und Guschi Carstens aus dem kühlen Schatten des Hamburger Rathauses auf den sonnenbeschienen und aufgeheizten Rathausplatz traten. Erwin Seeler, genannt Old Erwin, spürte die zwei Bier, die sie gerade auf dem Balkon getrunken hatten, bereits. Jetzt wollte er einfach nur nach Hause. Seine Frau und seine beiden Söhne waren vorhin auch kurz da gewesen. Dieter hatte das alles schon recht genau mitbekommen, da war sich Erwin sicher. Mit seinen 7 Jahren wollte er nach jedem Spiel wissen, wie der Rudi gespielt hatte. Old Erwin hatte seinen Sohnemann vorhin in der kleinen Menschentraube winken sehen. Der kleine Butschi mit den seelertypischen kurzen Beinen. Daneben seine Frau mit dem kleinen Uwe auf dem Arm. Auf dem Balkon durchfuhr Erwin kurz der Gedanke, dass seine Söhne vielleicht auch einmal an seiner Stelle auf dem Rathausbalkon stehen würden, um die Norddeutsche Meisterschaft zu feiern. Wenn sie sich anstrengten, warum nicht? „Die Begeisterung für unseren kleinen Uwe würde ich ihm schon beipulen“, dachte Erwin schmunzelnd. Bei Dieter hatte es ja schon gefruchtet. Guschi stieß ihm heftig in die Seite.

„Wo gehen wir jetzt hin, alter Mann?“

„In die Kiste, Guschi.“

„Erwin, du Schwerenöter, so kenn ich dich ja gar nicht. Tagsüber der treue Familienvater und nachts lässt du Fünfe gerade sein. Du sollest häufiger Meister werden!“ lallte Gustav Carstens heitert. Erwin verdrehte die Augen.

„Nach Hause und in die eigene Kiste. Die Deutsche Meisterschaft gewinnt sich nicht von alleine und ich habe keine Lust, wieder im Halbfinale rauszufliegen. Nicht nochmal sowas wie im letzten Jahr. Grandiose Saison gespielt und dann gegen Hannover rausfliegen. Hannover! Nach einer 2:0 Führung.“

„Reg dich nicht auf, Old Erwin, dein Herz.“

Erwin schüttelte sich, als hätte ihn eine eiskalte Hand am Nacken gepackt. Carstens hatte recht. Zwar hatte er keine Probleme mit dem Herzen, aber er regte sich schon wieder auf. Das war aber auch bitter gewesen im letzten Jahr. 2:3 nach Verlängerung und das bei einer 2:0 Pausenführung. Das waren Ergebnisse und Spielverläufe, die ewig einen schwarzen Fleck auf der HSV-Seele hinterlassen würde, da war er sicher. Die ganze Nacht hatte Erwin damals kein Auge zugetan. Aber diese Saison war zum Glück ähnlich gut gewesen. 35-5 Punkte bei 87:20 Toren. Das konnte sich sehen lassen. Nur hier und da hatten sie Punkt liegen lassen. Wieder griff eine kalte Hand in seinen Nacken, sie war schon deutlich wärmer. Die Spiele gegen Kiel hätte er natürlich gerne gewonnen. Das 3:3 war auch so ein Spiel gewesen, dass seine Mannschaft niemals hätte aus der Hand geben lassen dürfen. Am Morgen danach hatte Old Erwin, der am Spieltag selbst keine schlechte Figur abgegeben hatte, seinem Sohn von Rudi vorgeschwärmt. Rudi Noak hatte ein Spiel auf den Rasen gelegt, wie er es noch nie gesehen hatte. Kaum jemand wusste so gut wie Erwin, was Rudi zu leisten im Stande war. Was er aber in dem Spiel auf dem Platz gemacht hatte, ließ die Leistungen seiner Kameraden nur entfernt an Fußball erinnern. Es war ein Zauber. Eine Leichtigkeit, die dem Fußballkampf nicht gerecht wurde. Rudi war ein Spielmacher, der seinesgleichen suchte und spontan dachte Erwin traurig und bewundernd an den Österreicher Matthias Sindelar. Der Papierene. Der hatte auch Fußball von einer anderen Welt gespielt und war Anfang des Jahres tot in seiner Wiener Wohnung aufgefunden worden. Allerlei Gerüchte um die Nazis machten seitdem die Runde. Die Fußballwelt würde Sindelar nicht vergessen und so würde es womöglich bei Rudi auch sein. Ihm traute Erwin noch so einiges zu. Gegen Kiel hatten sie eigentlich alle ein tolles Spiel gemacht. Rudi, Ritschi Dörfel, Guschi, er. An der Sturmreihe hatte es nicht gelegen, aber Erwin wusste, dass Fußball so nicht funktionierte. Es war trotzdem nur ein 3:3 geworden. Egal. Der HSV war wieder Norddeutscher Meister und wollte noch mehr und Kiel war abgeschlagen auf dem 3. Rang. Das musste an Genugtuung reichen. Guschi tippelte vor ihm auf die Binnenalster zu, sein weißes Hemd hing ihm unordentlich aus der Hose. In dem Moment, als die Sonne orange auf dem Wasser glitzerte, wusste Erwin Seeler, genannt Old Erwin, nicht, dass der HSV nicht Deutscher Meister werden würde und nichts so bleiben würde, wie es war.

Mit einem Satz schrecke ich aus dem Traum auf. Der 30. Spieltag ist durch und langsam merke ich den körperlichen Verfall. Langsam fällt mir nichts mehr ein. Es ist nichts mehr schön zu reden und kein Hoffnungsschimmer am Horizont. Wer von Schicksal spricht, der hat es noch nicht verstanden oder will gütige Aufbauhilfe leisten. Aber eigene Unzulänglichkeiten dem Schicksal in die Schuhe zu schieben, das wäre nicht fair. Ab und an rumort ein Auto durch die Einbahnstraße und kurz spielt der Lichtkegel an den Wänden verrückt. Der Abend war perfekt für nervöse Selbstschützer geplant. Der Besuch an einem Montagabendspiel war eine geniale Idee, der Versuch mich selber zu übertölpeln. Ablenkung nachdem es am Sonntag doch wieder einen kleinen Schimmer Hoffnung gab. Aber mein süchtiger Körper ist auf diesen Trick nicht reingefallen. Im Schlafzimmer lief das Spiel auf dem Laptop, in der Küche lief das Radio und auf dem Klo aktualisierte ich sekündlich den Ticker. Bis zur 92. Minute: „Eine Flanke von der linken Seite landet bei Wahl, dessen Kopfball lenkt Pollersbeck über die Latte.“ Ecke! 92. Minute, Ecke, gegen den HSV. Da ist noch alles drin. Ich musste den Ticker ausstellen und das Radio gleich mit. Wie Old Erwin an das Halbfinale gegen Hannover und Kiel, musste ich an das Spiel gegen den VfB Stuttgart denken. Hinten alles andere als sattelfest. Ich wollte diese Ecke nicht erleben. Als später meine Freundin ins Schlafzimmer ging, lief der Laptop noch. „3:3, ist doch gut, oder?“

Auch in der Saison 1938/39 wurde der HSV nicht Deutscher Meister. Wieder war im Halbfinale Schluss und auch das Spiel um Platz 3 wurde verloren. In dieser Saison spielte der HSV das erste Mal 3:3 gegen Holstein Kiel.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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