traditionell zweitklassig

30. Spieltag: VfB Stuttgart – VfL Osnabrück

Passt schon

von Christoph Mack

Die große Mehrzahl meiner mit mir befreundeten Mitmenschen legt generell eine mir sehr sympathische Unkompliziertheit an den Tag. Ungünstige Unbedachtheiten oder versehentliche Verfehlungen werden genauso schnell verziehen, wie sie begangen wurden. Sei es das unbeholfen verpackte Geburtstagsgeschenk, die wiederholt vergessene Rückgabe der ausgeliehen Ski-Jacke, die zehnminütige Verspätung beim ausgemachten Angel-Date oder die Tatsache, dass man auch nach Jahren des gemeinsamen Kaffeetrinkens noch immer nicht sicher weiß, ob die langjährige Weggefährtin ihr Heißgetränk mit oder ohne Milch und Zucker zu sich nimmt. All das wird in solchen auf gegenseitigem Entgegenkommen basierenden Freundschaftsbeziehungen oft mit einem authentischen „Passt schon“ quittiert. Passt schon. Alles halb so schlimm. Alles eigentlich überhaupt nicht schlimm. Hauptsache du bist gesund und deine Mama hat dich lieb.*

Oftmals legen Personen mit diesem Verständnis der Zwischenmenschlichkeit diese Einstellung auch in Bezug auf ihr persönliches Anspruchsdenken zugrunde. Ziele, Pläne und Vorsätze werden zwar gefasst und auch verfolgt, doch das vollumfängliche Erreichen dieser bleibt nicht selten aus – was diese Menschen jedoch nicht gänzlich unzufrieden macht. Exemplarisch hierfür: Der Vorsatz alle zwei Tage joggen zu gehen, es dann aber regelmäßig nur maximal zwei Mal die Woche zu schaffen, wird quittiert mit einem keinesfalls resignierenden: „Naja, passt schon, besser als einmal.“ Ist ja auch viel los gewesen in letzter Zeit.
Anderes Beispiel: Die schriftliche Prüfung, deren Vorbereitung man trotz andersartiger Absichten zum wiederholten Male so knapp wie möglich gehalten hatte und mit dessen Note (2,3) man im Anbetracht des erbrachten Arbeitsaufwands dann doch gänzlich d’accord ist.

„Vom Wissen und vom Wollen der Tatbestandsverwirklichung.“ Die Stuttgarter Band Heißkalt zitiert in ihrem Lied Euphoria frei aus einem Gesetzestext und singt den besagten Menschen von der Seele: Im Wissen, dass sie es besser könnten, ändern sie nichts an ihren gewohnten Ambitionen, denn sie wollen den Mehraufwand nicht auf sich nehmen, da es seither stets insgesamt ganz passabel für sie lief und auch die Menschen in ihrem Umfeld keinen nachhaltigen Groll gegen sie hegten.

Und genau jetzt sprechen wir über den VfB Stuttgart, der im jüngsten Heimspiel einmal mehr eine geradezu generöse Gleichgültigkeit an den Tag gelegt hat. Eine Wird-Schon-Irgendwie-Werden-Mentalität, eine Einer-Wird-Schon-Ne-Zündende-Idee-Haben-Einstellung, eine Die-Letzten-Beiden-Male-Gings-Doch-Auch-Gut-Attitüde, was Pascal Stenzel im Anschluss auch unumwunden zugab.

Man sollte eigentlich meinen, dass der VfB in dieser Saison schon so einige zweitklassige Lehrstunden erteilt bekam, aus denen entsprechende Schlüsse hätten gezogen werden können. Wehen, Kiel und (nicht) zuletzt Osnabrück zeigten dem Krösus der Liga schon in der Vorrunde, wie schnell Spiele von der leichten Schulter gleiten und sicher geglaubte Punkte schlussendlich doch nicht auf der Habenseite verbucht werden konnten. Nachhaltig aufrüttelnde Wirkung hatten diese Salven vor den Bug mitnichten – denn rein tabellarisch hielt der VfB stetig den Aufstiegskurs, wenn auch mit Müh und Not und regelmäßig mit ordentlich Schlagseite.

Warum also etwas ändern an der Arbeitseinstellung?
Wenn auch nach diesem Spiel, in dem sämtlichen VfB-Akteuren der Biss eines Ameisenbären und der Einfallsreichtum eines Saugroboters nachzuweisen waren, man trotzdem einen Punkt gewann und sich, weil es einer anderen zweitklassigen Traditionsmannschaft zum wiederholten Male in der Nachspielzeit an (geistiger) Frische fehlte, wieder einmal nichts an der Tabellensituation geändert hat?
Aufgebrachte Fans und Medienvertreter riefen am Montagmorgen jedenfalls einstimmig und alarmierend ein schallendes „Mit dieser Einstellung steigt man nicht auf“ in den Blätterwald und durch sämtliche Internetforen. Für einen Tag war es also vorbei mit Sympathiebekundungen, Beschwichtigungen und kameradschaftlichem Abwiegeln. Enttäuschung, Frust, Verzweiflung und Unverständnis traten offen und scharfzüngig zu Tage. Mehr als ein Hauch von Liebes- und Vertrauensentzug lag in der Luft.
Doch wenn es am Ende entgegen aller berechtigten Zweifel ganz knapp klappen sollte, mit dem zum Aufstieg berechtigenden zweiten Tabellenplatz, würden dieselben Wüteriche wohl ebenso knapp konstatieren: Naja, passt schon.

*dein Papa natürlich auch.

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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