traditionell zweitklassig

31. Spieltag: Hamburger SV – Dynamo Dresden

Eine dreckige Liga

von Christoph Mack

Wenn der Tabellendritte gegen den Tabellenletzten durch ein Tor in der 84. Minute mit 1:0 gewinnt, spricht man in der Fußballwelt für gewöhnlich von einem „dreckigen Sieg“. Ein wenig glanzvolles Erfolgserlebnis ist das, bei dem ein erleichtertes Durchpusten den Siegesschrei im Hals den Weg versperrt. Nicht so am vergangenen Samstag: Als Joel Pohjanpalo den HSV kurz vor Schluss mit einem Stochertor aus dreieinhalb Metern in Führung schoss, erzitterte das menschenleere Stadion ob der markerschütternden Jubelrufe sämtlicher Spieler und Funktionäre mit der Raute auf der Brust. Und als auch die Nachspielzeit schadlos überstanden war, fielen sie sich überglücklich in die Arme oder auf den Rasen, ganz so, als wäre die Saison schon vorüber und der zweite Platz nicht nur eine Momentaufnahme. 

Nach nunmehr 31 Spieltagen teilnehmender Beobachtung der zweiten Liga wundere ich mich nicht mehr, über derart ausgelassenen Freudenszenen nach einem solchen Sieg. Für mich war das kein „dreckiger Sieg“ in der mittlerweile gewohnten zweiten Liga. Nein, es war ein gewöhnlicher Sieg in einer „dreckigen Liga“. Um diese Hypothese zu visualisieren, fügt sich vor meinem geistigen Auge eine symbolische Szenerie aus einer anderen Sportart zusammen.

Fingerhakeln. In der Herrensauna. 

In der Belletage dieses Schwitzensports bietet eine breite, verglaste Panoramafront einen atemberaubenden Ausblick auf saftige Wiesen und blühende Bäume. Die großzügigen Holzbänke sind aus Mahagoni, die Saunatücher aus feinstem Frottee. Die regelmäßigen Aufgüsse riechen aromatisch nach Waldkräutern, Lavendel oder Pfirsich-Mango. Die Hakelringe sind aus Rindsleder, die Hakelhocker blank poliert und regelmäßig gereinigt. Auf der obersten Ebene flätzt in einer unantastbaren Überlegenheit der muskelbepackte bayrische Meister, der die Gegner reihenweise über den Tisch zieht. Doch auch eine Holzbank tiefer sitzt ein beachtlich durchtrainierter Schönling aus Dortmund, daneben der forsche, glattrasierte Bulle aus Leipzig und, momentan etwas abseits, der meist missgelaunte Sonderling aus Gelsenkirchen. Auch alle anderen gut gebräunten Mitstreiter machen einen aufgeräumten Eindruck. Nach den Zweikämpfen gratuliert man sich fair und unterhält sich anschließend gesittet über Aktieninvestments, französische Rotweine und italienische Sportwagen. Jeder ist froh hier dabei zu sein, da wo es am wärmsten wird, die Abkühlungsbecken am größten und der zu erreichende Ruhm am nachhaltigsten sind. Und niemand will absteigen, absteigen in die Kellersauna, die mit Wellness so viel zu tun hat wie Amazon mit fairen Arbeitsbedingungen.

Denn dort sitzt man dicht gedrängt, Oberschenkel an Oberschenkel, was die unwesentlich niedrigere Raumtemperatur im Vergleich zum Oberhaus vergessen macht. Die Dachlatten, die als Sitzfläche dienen, sind vom erheblich höheren Durchgangsverkehr entsprechend durchgesessen. Handtücher sucht man hier vergebens. Die Aufgüsse kommen unregelmäßig und wenn dann hat der Cuisinier streitbare Geschmacksrichtungen dabei. Frittierfett, Lösungsmittel und an Sonn- und Feiertagen mal eine Prise Sauerampfer. Die Hakelhocker sind schief und krumm, von Spreißeln übersät und die Hakelringe aus purem Wurstgarn versprechen, dank des Fehlens einer fingerschonenden Lederschicht, einschneidende Erlebnisse. Und dann diese Gestalten. Sie kommen aus Osnabrück, Darmstadt, Bochum oder Dresden und erzählen sich vom Schichtdienst, von drallen Blondinen aus Männerzeitschriften und von Wirtshausschlägereien. Bleiche, untersetzte bis feiste Körper, teilweise dicht behaart, teils fragwürdig tätowiert. Schweißüberströmt warten sie finster dreinblickend auf den nächsten Zweikampf. Dann wuchten sie ihre massigen Körper entschlossen zum Hakelhocker, spucken einmal auf den glühenden Ofen und legen alles rein was sie haben, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne abschließendes Shake-Hands. 

Zwei der Gestalten im unterklassigen Schwitzkasten sieht man an, dass sie hier eigentlich nicht hingehören wollen. Sie sind noch nicht lange hier unten. Ihre Körper sind etwas definierter, sie riechen noch ganz leicht nach Traube oder Zimt und sie sind stets bemüht sich die triefend nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen und immer wieder neu und akkurat zu scheiteln. Bei den hiesigen Gesprächen halten sie sich meist raus und schielen stattdessen permanent Richtung Ausgangstür, neben der sie schon seit geraumer Zeit verharren. Doch immer wieder müssen sie ihren Sitzplatz neu erkämpfen, im Hakel-Duell mit den durchtriebenen, verwegenen Kontrahenten, für die sie sich insgeheim eigentlich zu schade sind und denen sie rein konstitutionell überlegen sein sollten. Dementsprechend groß ist das Gelächter in der gesamten Männerriege, wenn einer der beiden parfümierten Hochwohlgeborenen mal der Finger aus dem Hakelring rutscht und er von einem der vermeintlich minderbemittelten Gegner über den Tisch gezogen wird. Auffallend oft passierte das nun schon. Und in jedem Zweikampf kann es wieder geschehen, denn die ungleich unwirtlicheren Rahmenbedingungen scheinen die beiden Saunierenden mit Restbräune jedes Mal aufs Neue herauszufordern. 

Gegen die kollektive Klassenkeile und für die Rückkehr in gewohnt gepuderte Gefilde gibt es nur ein Mittel, welches in dieser Sportart, auf diesem Niveau einzig und allein zählt: hart erkämpfte Siege. Denn genau jene sind ganz gewöhnliche Siege, in dieser dreckigen Liga. 

Und von ebendiesen hat der Hamburger SV nun einen mehr. Da darf, nein da sollte man laut jubeln. 

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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