traditionell zweitklassig

31. Spieltag: Karlsruher SC – VfB Stuttgart

Natürlich ist es Liebe!

von Simeon Boveland

An den Tag, an dem ich sie das erste Mal sah, erinnere ich mich noch so gut als wäre es gestern gewesen. Es war der 2. September 2007. Ich wollte mal wieder mit einer alten Freundin Cocktails trinken gehen. Das hatten wir seit Ewigkeiten nicht gemacht und da war diese neue, super angesagt Cocktailbar in Bahnhofsnähe. Die Freundin kam nicht direkt aus Stuttgart und solche Abende waren seit dem Ende unserer Schulzeit dementsprechend Mangelware. Ich holte die Freundin vom Bahnhof ab und als wir uns begrüßt hatten, offenbarte sie mir, dass später noch eine Freundin von ihr kommen wollte. 

„Tut mir leid, aber ich habe sie echt ewig nicht mehr gesehen. Die ist voll nett, eigentlich.“ „Eigentlich“, fragte ich skeptisch, weil ich immer skeptisch nachfragten, wenn jemand „eigentlich“ sagte, weil es eigentlich nicht „eigentlich“, sondern das Gegenteil bedeutete. 

„Sie ist speziell, aber super lieb und sie kommt ja auch erst später.“ 

„Ach, was solls, wird schon nicht so schlimm!“ antwortete ich ehrlich.

Ganz im Gegensatz zu der Cocktailbar. Es war wirklich der räudigste Laden in dem ich seit Jahren war und das hing nicht mit meinem neuen akademischen Anspruch des eingeschriebenen Studenten zusammen. Der einzige Vorteil war, dass in den ekligen Cocktails so viel Alkohol war, dass es wenigstens nach zwei Zombies angenehm schepperte. Und sonst war der Abend wirklich schön. Ein Teelicht nach dem anderen brannte ab und ein Nachoteller gab dem anderen Nachoteller die Hand, bis mir irgendwann die Freundin der Freundin einfiel.

„Sag mal, wollte die nicht noch kommen?“ 

Und wie auf Kommando klirrten in der Nähe des Eingangs Gläser und zerbarsten zu Scherben. Verbales Tumult entstand und als sich dieser wieder legte stand sie plötzlich an unserem Tisch. Eine Erscheinung in rot und weiß und das war nicht untertrieben. Rot-weiß das Oberteil, das sie trug, rot-weiß die Bemalung in ihrem Gesicht, der Rest war blau. Die Freundin hatte eine Fahne, die mich direkt mit besoffen machte. Lallend umarmte sie uns, zeigte in Richtung Eingang und küsste die Wange der Freundin, die mich entschuldigend anblickte. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Mit Fußball konnte ich so gar nichts anfangen, aber die Faszination, die der Fußball auf Menschen haben konnte, faszinierte mich schon.

Im Laufe der Nacht und weiteren Zombies, die in gemeinsamer Absprache zu alkoholfreien Zombies wurden, redeten wir die ganze Nacht. Die Freundin, die ihren letzten Zug kriegen musste, war schon lange weg und um uns herum wurden die Tische gewischt und die Stühle hochgestellt. Als man uns allmählich hinaus komplementierte, hatte ich mehr über Fußball erfahren als mein bisheriges Leben zuvor. Die Zusammenfassung war, dass es der schlimmste Tag des größten VfB-Fans war. Erst ein paar Stunden vorher hatte der amtierende Meister aus Stuttgart sein Spiel gegen den badischen Rivalen aus Karlsruhe verloren. Eine Schmach, eine Schande, der schlimmste Tag ihres Lebens. Als wir die Bar verließen hatte ich schon den Entschluss gefasst sie nach Hause zu bringen. Dankend hakte sie sich unter und glich gemeinsam mit meiner rechten Seite das abnehmende Torkeln aus. Der Morgen graute schon. Vor ihrer Tür schaute sie mich an:

„Tut mir leid, wenn ich euren Abend versaut habe“, sie griff in meine Jackentasche und zog mein Telefon heraus. 

„Aber wenn du vielleicht irgendwann nochmal Lust hast mich zu treffen, wenn ich nüchtern bin und du mir dann auch ein bisschen was von dir erzählen willst, dann würde ich mich freuen.“ Ich grinste und nickte und wollte schon gehen, als sie noch rief: „Aber nicht samstags um 15.30 Uhr, da hab ich Fußball. Und mittwochs ist Champions League.“

Ein paar Wochen später waren wir zusammen und am 31.1.2011 zogen wir in unsere erste gemeinsame Bude. Ein leicht zu merkendes Ereignis, denn am gleichen Tag unterschrieb auch ein neuer Spieler einen Vertrag beim VfB, der in meinem neuen Heim für Unmut sorgte.

„Das ist der Idiot, der damals gegen den VfB getroffen hat, als wir uns kennengelernt haben.“

„Echt, ist doch gut!“

„Gut? Soll ich meine Sachen wieder packen?“

„Beruhige dich! Ohne sein Tor und die schlimmste Niederlage und Schmach deines Lebens hätten wir uns vermutlich nie kennengelernt. Also: gut!“

Mit Fußball habe ich mich übrigens nie anfreunden können. So richtig kann ich dem nichts abgewinnen. Meine Freundin mag recht haben, dass ich mich auch nie darauf eingelassen habe. Aber einem Haufen Millionäre beim Ball spielen zuzuschauen… Da fällt mir wirklich besseres ein. Aber ich weiß, dass meine Freundin am Spieltag ein Bierfrühstück mag, auch wenn sie es mir jeden Samstagmorgen im Bett nochmal sagen muss. Ich kann mir weder Vereine, noch Spieler oder Ergebnisse merken, geschweige wann sie spielen. Es gab schon Tage, da habe ich sie besorgt angerufen, um zu fragen wo sie denn blieb, bis mir der Geräuschpegel im Hintergrund Klarheit verschaffte. So bin ich mit meiner Freundin zusammen durch die Hochs und Tiefs der jüngeren VfB-Vergangenheit gegangen, aber was ich letzten Sonntag erlebte, war mir auch nach 13 Jahren neu. Im Vorfeld hatte ich in der Zeitung von der Neuauflage des baden-württembergischen Derbys gelesen und wollte meine Freundin – sie noch schlaftrunken in den Bettlaken verheddert – mit einer kalten Dose Bier im Bett überraschen, als sie dankend ablehnte. Kein Wort des Lobes, kein Wort der Zuneigung, nur:

„Ich kann nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr. Mir ist ganz flau.“

„Aber heute spielt doch der VfB!“

„Deshalb ja, ich habe da ein ganz komisches Gefühl. Wollen wir uns nicht einfach ein gemütlichen Sonntag machen?“

„Ohne Dosenbier?“

„Vielleicht mit einem oder zwei?“

„Ohne Fußball?“

„Nur wenn du auch mitguckst, sonst schaffe ich das nicht.“

Nach zwei Stunden Fußball hatte ich kein Gefühl mehr in der Hand und ein gezerrtes Trommelfell. Die Stimmung bei meiner Freundin war so semi. Mit den Worten „Ich brauche mal eben einen Moment“ ging sie auf dem Balkon und rauchte seitdem Glimmstängel nach Glimmstängel und eigentlich rauchte sie gar nicht. Naja, eigentlich. Ich hingegen war wie gebannt von dem Spiel und der Spannung und ich spürte die kleine Wut hinter meinem Zwerchfell, weil die Stuttgarter verloren hatten. Weil sie nicht hätten verlieren müssen, niemals hätten verlieren dürfen. Und dann auch noch gegen Karlsruhe, ausgerechnet Karlsruhe.

„Siehst du, was ich meine?“ Meine Freundin war wieder ins Zimmer gekommen und schaute mich aus traurigen Augen an.

Ich nickte und hatte die Befürchtung nun auch infiziert zu sein. Das Spiel war eine Katastrophe gewesen und es gab gute Gründe nicht allzu optimistisch in die Zukunft zu schauen, aber verloren war bis auf dieses Spiel noch nichts. Ich blickte meine Freundin an, wie sie in ihrem rot-weißen-Dress und dem rot-weißen Gesicht da stand. 

Natürlich ist es Liebe!

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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