traditionell zweitklassig

32. Spieltag: VfB Stuttgart – SV Sandhausen

Muffensausen vor Sandhausen

von Christoph Mack

Eigentlich könnte mein Text jetzt schon zu Ende sein. Die Überschrift spricht Bände und bringt die derzeitige Situation auf den Punkt. So weit ist es gekommen, mit dem ruhmreichen VfB. Drei Spieltage sind noch zu spielen, die Konkurrenten aus Hamburg und Heidenheim haben am Vortag jeweils nur unentschieden gespielt – der VfB hat den gerade aus der eigenen Hand gegebenen Aufstieg nun wieder in selbiger. Man könnte kurz aufatmen oder ob der Patzer der anderen Aufstiegsaspiranten still in sich hinein lächeln. Man könnte Energie aus dem eigenen augenscheinlich ungleich leichteren Restprogramm ziehen. Stattdessen greift vor dem „ersten von drei Endspielen“ allerorten Resignation und Angst um sich. Einen Sieg traut dem VfB kaum jemand zu. Gründe hierfür gibt es zuhauf. Der zuletzt nicht sichtbare Wille und die wiederholt an den Tag gelegte fehlende Einsatzbereitschaft stehen wohl über allen. Zu allem Übel ist mit Wataru Endo der Spieler, dem man in ebenjenen Bereichen die wenigsten Vorwürfe machen konnte, gelbgesperrt und Spielmacher und Unterschiedsspieler Daniel Didavi weiterhin verletzt. Sandhausen dagegen kommt in Bestform: Zuletzt drei Siege und ein Unentschieden (gegen die mittlerweile aufgestiegenen Bielefelder) sprechen eine deutliche Sprache. Sandhausen ist der gefühlte Favorit, Sandhausen ist der Angstgegner. 

Stuttgart steht im Regen 

Kurz vor Anpfiff ergießt sich ein Wolkenbruch über der Arena, sinnbildlich für all das, was in den letzten Tagen nach der Derby-Niederlage auf den VfB eingeprasselt ist. Die Spieler stehen da wie begossene Pudel, denen man zusätzlich noch öffentlich den Kopf gewaschen hat – sollten sie eigentlich. Stattdessen sieht man beim Warmmachen einen grinsenden Holger Badstuber, einen redseligen Orel Mangala, einen amüsierten Atakan Karazor. Sieht so ernsthafte Fokussierung aus? Der Trainer hat obendrein die Startaufstellung wild durcheinandergewirbelt. Na das kann ja heiter werden. Spoiler: Wird es auch. 

Die Logik der Unlogik 

Das Schlachtfeld ist also vorbereitet. Die Fans bruddeln sich warm. Der VfB muss sich jetzt nur noch seinem Schicksal zu fügen, konzeptbefreit anrennen, entscheidende Fehlpässe spielen, nach Ballverlusten hadern, irgendwann den 0:1 Rückstand kassieren. Dann würde Materazzo verzweifelt wechseln und in der Schlussphase kontert Sandhausen einmal flüssig – 0:2. Dann womöglich noch eine unnötige rote Karte gegen González. Aus die Maus. Aus der Traum. Ausgerechnet heute kommt alles anders. Ganz anders. 
Sechs neue Spieler stehen im Vergleich zum letzten Spiel auf dem Platz – doch die gesamte Mannschaft wirkt wie ausgewechselt. Es scheint so, als wäre der Geist des gesperrten Endos in alle auf dem Platz stehenden VfB-Spieler gefahren: Es wird gekämpft, gerannt, es wird mutig kombiniert, man kreiert Torchancen und nach einer halben Stunde steht es 4:0. Ein Kopfball, ein Fernschuss, ein Eigentor, ein Elfmeter. Vier Tore hatte der VfB bislang noch in keinem Spiel geschossen. Am Ende steht ein 5:1 auf der Anzeigetafel. Am Tiefpunkt der Rückrunde gelingt der höchste Saisonsieg. Ungläubiges Augenreiben allenthalben.

Keine Ursache 

Lediglich ein paar waschechte Wutbürger bruddeln im Anschluss an dieses Spiel noch in ihren bierernsten Bart. Alle anderen fragen sich ein und dieselbe Frage: Was war der Grund für diese rauschartige Vorstellung des VfB? Lag es an der irrsinnigen Lockerheit, die Materrazzo dem Vernehmen nach in seiner Kabinenpredigt beschworen hatte? Greift hier endlich einmal die Metapher des angeschlagenen Boxers? Oder war vielmehr der Umstand ursächlich, dass das verlorene Derby den Ruf ohnehin schon ruiniert und man demnach nicht(s) mehr zu verlieren hatte? 
Viel drängender als die Ursachenforschung mutet der Blick nach vorne an. Führende Sportmedien sehen den Sieg als großen Schritt Richtung großem Ziel. Leicht zu sagen und zu schreiben, wenn das Momentum so klar auf der schwäbischen Sonnenseite zu liegen scheint. Dabei sollte nicht nur regelmäßigen Lesenden dieses Mediums klar sein, dass dieser Verein in dieser Saison mehr Prognosen widerlegt als Standardsituationen zum eigenen Mann gebracht hat. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist und dass sich bei der Frage, ob die unlogischen Ereignisse logisch fortgesetzt werden oder der Logik folgend Unlogisches eintreffen wird, die Katze in den Schwanz beißt.
Zumal der nächste Gegner 1. FC Nürnberg heißt und zu sämtlichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen noch eine parallele Variable hinzufügt: Auch Nürnberg vergeigte jüngst das Franken-Derby gegen Fürth und fegte anschließend vollkommen unerwartet den SV Wehen Wiesbaden mit 6:0 vom Platz. 

Showdown 

So gesehen treffen am Sonntag die Mannschaften der Stunde aufeinander im Duell der wundersam wiedererstarkten Kampfsportler. Wem von beiden in der vorletzten Runde ein weiterer Wirkungstreffer gelingt, mag kein Mensch vorhersagen. 

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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