traditionell zweitklassig

32. Spieltag: Hamburger SV – VfL Osnabrück

Wuuuusaaaaa

von Simeon Boveland

Meine Ohrläppchen sehen aus wie Kirschen und sind auf die dreifache Größe angeschwollen, aber ich bin fast komplett ruhig. Wuuusaaaa, endlich ernte ich die Früchte meiner auferlegten Therapie. Ich rege mich nicht mehr auf. Aber ich vergesse mich und meine gute Kinderstube:

Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch, Arminia Bielefeld. Herzlichen Glückwunsch für das Tun, das getan werden muss. Die Zweite Liga ist mittlerweile das Auffangbecken gescheiterter Traditionsvereine und Fahrstuhlmannschaften, aber das nicht jeder eine Fahrstuhlmannschaft sein kann, beweist die Arminia. Und mit Fahrstuhlmannschaft meine ich schon die Mannschaften, die wie ein Fahrstuhl in regelmäßigen Abständen runter und wieder hoch fahren und wieder runter und wieder hoch. Der VfB Stuttgart ist auf dem besten Weg eine Fahrstuhlmannschaft zu werden (runter, hoch, runter, bald hoch), der HSV – runter, immer noch unten, immer noch unten? Vielleicht hättet sich der HSV etwas bei der Arminia abschauen sollen z.B. Konstanz (Anm. d. Red. und für die Norddeutschen: damit ist nicht die Stadt am Bodensee gemeint, denn im Süden sagt man „Konschtanz“, ja, ja, fragt nicht), statt - wie ich als gemeiner Fan - den Druck auf den Tabellenführer abzuwälzen. Ich höre mich in der Winterpause noch sagen: „Jetzt warten wir mal ab. Mit dem Druck müssen die erst einmal umgehen.“ Sind sie, richtig gut sogar und nun verdient aufgestiegen. Jetzt muss ich nicht zu Lobeshymnen ausholen, weil es genug prominente Arminia-Fans gibt, aber ich habe doch gerade so wenig zu loben, dass ich auf einen Fakt noch hinweisen möchte.

Nach dem 17. Spieltag der Saison 2018/19 lag Arminia Bielefeld auf dem 14. Platz. Nach dem 34. Spieltag waren sie 7. Nicht schlecht und mit anderen Worten: 2. Platz der Rückrundentabelle. Ohne Recherche lasse ich mir hier und jetzt dazu hinreißen zu behaupten, dass Arminia Bielefeld die beste Zweitligamannschaft der letzten 1,5 Jahren war und ist (inklusive der Absteiger und Aufsteiger der Saison 2018/19). Damit schließe ich die Beweisaufnahme, gute Nacht!

Schreibe ich, knete meine Ohrläppchen und entscheide mich anders. Ich muss hinabsteigen in das finstere Tal. Wuuusaaa!

Am letzten Wochenende hatte sich der HSV – dahingestellt wie – einen neuen Matchball erspielt. Der Aufstieg wieder in der eigenen Hand. Drei Spiele am Stück gewinnen, eines gegen den bis dato fast Tabellennachbar Heidenheim, kein Selbstläufer, aber wer in die Bundesliga aufsteigen will, der kann das vielleicht und will das auch. Anders gesagt: Wer Heidenheim nicht schlägt, der schlägt auch Schalke 04 nicht. Wiederum anders gesagt: Wer aufsteigen will, der muss auch Spiele gewinnen. Aber das macht der HSV ja nicht. Es ist doch seit Jahren die immer und ewig gleiche … Wusa, Wuuusaaaaa! In die Ecke bekommt ihr mich nicht mehr. Bin schon wieder bei meinem Ruhepuls. Macht doch auch nichts. Die Zweite Liga kann schön sein, wenn man sich damit anfreundet. Fürth, Regensburg und Aue samt Wortspielen doch tolle Adressen. Zweimal pro Saison gegen die gewinnen und wir können uns nochmal unterhalten. Aber was rede ich? Was heute hier geschrieben, wird mir morgen um die Ohren gehauen. Noch ist ja alles drin, auch wenn der VfB in dieser Minute das 4:0 (in der 32. Minute!) schießt. Ab Sonntag geht die Saison in die wirklich heiße Phase. Dann zählt es. Auge um Auge. Alles auf null. Alle Spiele starten zeitgleich inkl. spannender Konferenz in der Sportschau. Mit knallroten Ohrläppchen erinnere ich mich an meine erste Konferenz. Das war 1996 und der HSV weit weg vom Abstieg. Sogar auf dem Weg nach Europa. 4:1 gewann der HSV damals gegen die Frankfurter Eintracht und Air Bäron freute sich mit Spieler des Spiels Hasan Salihamidzic über je einen Doppelpack. Aber das wollte ich nicht erzählen, sondern den Krimi im Keller. Leverkusen gegen Kaiserslautern. Hätte Kaiserslautern gewonnen, wäre Leverkusen abgestiegen und alles lief nach Plan. Pavel Kuka, der Mann mit der Föhnfrisur, hatte früh getroffen, ehe in der 82. Minute der Ausgleich fiel. Lautern musste absteigen. Jeder kennt das Bild der Altweltmeister Brehme und Völler, wie sie Arm in Arm freundschaftliche Tränen vergossen, aber ich erinnere mich an das Bild des jungen Thomas Hengen. Herzerweichend kniete er auf dem Boden und weinte. Ich hatte ein Faible für ihn, weil er eine ziemlich coole Frisur hatte. Aber dass mich der Abstieg so sehr berührte, zeigte mir erst die Faszination Fußballkonferenz. 

Das und mehr erwartet uns also an den nächsten zwei Spieltagen und gerne lasse ich mich eines Besseren belehren, aber schocken kann mich nichts mehr.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official