traditionell zweitklassig

33. Spieltag: FC Heidenheim – Hamburger SV

Einerseits - Andererseits

von Christoph Mack

„Abpfiff! Zwei zu eins!“ Von hinten höre ich einen unverhofften Juchzer. „Kerschbaumer. Neunzig plus fünf. Unfassbar.“ Auf meiner Rückbank wird gefeixt. Auch ich grinse ungläubig in mich hinein, denn Ich weiß, dass dieses Ergebnis mit an Hochsicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den direkten Aufstieg für meine Lieblingsmannschaft bedeutet. Und schon bin ich, nach einem fußballbefreiten Outdoorwochenende, wieder im Gedankenbann des runden Leders – und damit inmitten eines eigentümlichen Emotionsempfindens. Während ich das Auto mit seinen geplätteten Fahrgästen durch eine hessische Hügellandschaft steuere, ertappe ich mich bei durchweg widersprüchlichen Gefühlswallungen. Einerseits ist da so etwas wie schlussendliche Befriedigung, wohlig wummernd im Brust(ring)bereich. Andererseits liegt da auch ein seltsamer, rundstückgroßer Klos in der Magengegend. Ein Schlag in dieselbige muss das gewesen sein, dieses Tor in der Nachspielzeit.

Was? Was war das? War das etwa Mitgefühl? Mit dem Konkurrenten? Mit dem größten Konkurrenten, dem Klassenfeind, dem hochwohlgeborenen Hamburger Sportverein, deren überhebliches Selbstverständnis ich nicht nur einmal belächelt und dem ich dereinst den Abstieg aus tiefstem Herzen gegönnt hatte? Ich fasse es nicht.
Aber nein, ich habe kein Mitleid mit diesen Spielern, auch nicht nach dem wasweißichwievielten Gegentreffer in der Nachspielzeit. Irgendwann muss man das doch wohl mal in seinen Kopf bekommen, dass das Spiel eben schon lange nicht mehr nur exakt 90 Minuten geht. Chancen, den prall gefüllten Sack zuzumachen, gab es im Saisonverlauf mehr als genug. Genauso wie spielerisches Potential. Und auch die Trainer, Betreuer und Funktionäre bedauere ich nicht besonders. Insbesondere die Letztgenannten haben es auch in dieser Saison wieder einmal nicht geschafft, eine Spielzeit ganz ohne interne Querelen über die Bühne zu bekommen und damit ihre Arbeit eben nicht tadellos erledigt. Nein, mit ihnen fühle ich nicht.
Doch da gibt es noch diejenigen, für die der HSV nicht nur ein Job ist. Diejenigen, die man im Stadion für gewöhnlich am lautesten hört und die momentan nur tatenlos zusehen können, wie ihr Verein sie enttäuscht. Und für die tut es mir tatsächlich leid.

Ein Jahr der regelmäßigen Berichterstattung über einen mir einst sehr zuwider erscheinenden Club sind offensichtlich nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Doch es sind weniger die vielen gelesenen Spielberichte und Interviews, die meinen Horizont verschoben und meine Sensibilität ungeahnt erhöht haben. Es sind die Begegnungen mit den Fans – in Foren, in Kommentarspalten, in Blogbeiträgen und ganz real. Menschen, die sich einem Verein verschrieben haben, den sie sich nur bedingt ausgesucht haben. Menschen, die gerade in Phasen wie diesen hingebungsvoll hoffen und die ganz allgemein die Gemeinschaft des Sports schätzen. Menschen, die vielleicht gerne Bier trinken. Menschen, die man nicht verachten kann, weil man sie kennen und manche sogar schätzen gelernt hat. Menschen wie Du und Menschen wie Ich.

Derart empathietrunken brause ich also weiter durch Mitteldeutschland. Wie es das Schicksal zufälligerweise will, befindet sich mein Vehikel exakt zwischen Stuttgart und Hamburg. Die Straße steigt tendenziell an, denn es geht Richtung Süden und damit dahin, wo der fast sichere Aufsteiger herkommt und der derzeitige Relegationsplatzinhaber auch. Zuhause werde ich mir die Zusammenfassung des Spiels ansehen und dabei Jubelszenen der siegreichen Heidenheimer zu Gesicht bekommen, wie sie enthusiastischer kaum sein könnten. Da knallten im Überschwang schon die sprichwörtlichen Korken, während die Hamburger, vor lauter teilnahmsloser Tristesse, vorübergehend den letzten Strohhalm vergaßen, den sie mit freundlicher Unterstützung des Zweitligameisters Bielefeld noch erreichen könnten.

Vielleicht war es also auch zu früh, mit den Beileidsbekundungen meinerseits und die Realität wird schon in wenigen Tagen die Emotionen allerorts wieder andersartig eichen. Doch diese schriftliche Momentaufnahme meiner Gefühlswelt stülpe ich zuletzt noch eine möglicherweise pathetische Pointe über, indem ich sie zur Metapher erhöhe. Eine Metapher für die verbindende Kraft des Fußballs, die Mitgefühl säht und Freundschaften nährt.

Meine Mitfahrenden schlafen und so fahre ich zufrieden lächelnd in den Sonnenuntergang…

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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