traditionell zweitklassig

33. Spieltag: 1.FC Nürnberg – VfB Stuttgart

Randale-Rudi

von Simeon Boveland

Der größte Jubel kam, als das Spiel schon vorüber war. Summa Summarum waren es drei Schreie. Der erste Schrei war hoch und spitz. Der zweite ein anhaltendes dumpfes Dröhnen „Jiiiiiaaaaaaaaaarrhhhhhhhhhh“, gefolgt von einem gepressten „Jiarrrh,“ und einem, seinem Namen alle Ehre machend, angeschlossenen „verdammt nochmal!“

In der kurzen Zeit in der ich hier nun wohnte, hatte ich genau diese Emotionalität von Randale-Rudi schätzen gelernt. Es war zu meiner liebsten Angewohnheit geworden, nicht mehr die VfB-Spiele selbst zu sehen, sondern mir den Spiel- und Saisonverlauf über die Reaktion meines Nachbars im Erdgeschoss des gegenüberliegenden Hauses zu erschließen. Problemlos hätte ich ein Verhaltensprotokoll erstellen können. Dieses, der aktuellen Saison des VfB gegenübergestellt, könnte neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Verhaltensforschung liefern.

Es hatte einige Wochen gedauert bis mir der Nachbar aufgefallen war. Das lag vor allem daran, dass er nicht sehr auffiel. Das grobe Karohemd steckte meist in einer sandfarbenen Cordhose, passend dazu die schon etwas ausgelatschten, aber noch guten Slipper. Das wusste ich so genau, weil es diesen unheimlichen Moment im Supermarkt gegeben hatte. Plötzlich stand Randale-Rudi vor mir.

„Entschuldigen Sie? Darf ich mal?“, fragte er freundlich und griff sich zielstrebig eine Packung Gemelli-Nudeln. Ich hatte schon eine gefühlte Ewigkeit vor dem Regal gestanden und erst überlegt, welche Nudeln es sein sollten, dann, warum es so viele gab und irgendwann nur noch versucht Löcher ins Regal zu starren. Dass Randale-Rudi vor mir stand, mich ansprach und mit einer schweren Nikotin-Fahne abdampfte, gab mir den Rest. Er hatte nicht den Eindruck gemacht mich erkannt zu haben und vermutlich hatte er das auch nicht. Die Flaschenböden, die er als Brille trug, schienen die Erklärung zu sein. Aber ohne Zweifel, das war er – Randale-Rudi!

Randale-Rudi hieß natürlich nicht wirklich Randale-Rudi. Vermutlich war nicht mal Rudi richtig, aber der Name passte zu ihm. Ich hatte ihn kennengelernt, als das Gefluche und Geschreie passend zum sonntäglichen 13:30 Uhr Spiel mein Interesse weckte. Einige aufmerksame Blicke und schnell hatte ich den Ursprung des Geschreis entdeckt. Nicht schwer, war es doch das einzige Fenster, das im Winter sperrangelweit offen stand. Und von drinnen das Gedröhne und Kommentieren.

„Du Blinze, du elende. Willst du den Ball ins Tor tragen, dorr? Annehmen, drehen, schießen. Kann doch nicht so schwer sein.“

„Du Söldner, du elender. Willst du wissen, was Loyalität ist? 65 Jahre Mitglied beim SV Heslach. Ehrenspielführer! Und glaub nicht, dass der VfL Kaltental mich nicht wollte. Aber ich bin geblieben, auch wenn es mal nicht so lief. Das lag nicht nur daran, dass die da oben keinen graden Platz haben. Nee, Kollege Schmalfuß.“

Das alles in einer Lautstärke, die nicht zu überhören war. So hatte ich die Hochs und Tiefs der Saison miterlebt. Bei Niederlagen stand er nach dem Spiel noch eine weitere Halbzeit am Fenster und rauchte eine halbe Schachtel Zigaretten. Nach Siegen auch. Schnell waren seine beiden Laster also klar: Rauchen und Fußball.

Von da an stellte ich also sicher, dass wenn Spieltag war ich an meinem Fenster stand und zu ihm runter schaute. Durch Randale-Rudis geöffnetes Fenster konnte ich noch den oberen rechten Rand seines Fernsehers erkennen. Davor sein großer Fernsehsessel, den ich wie eben auch Randale Rudi im Halbprofil sah. Die intensive Beobachtung schenkte mir die Möglichkeit die Explosionen von Rudi schon anhand des Luftholens vorauszudeuten. So war es mir zum Ende schon möglich vorherzusagen, wann er wirklich platze und wann das energische Luftholen in einem resignierenden stimmhaften Ausatmen mündete und die schmalen Schultern tief nach unten sanken. Der Mann lebte VfB. Es war eine Hassliebe, die sich bedingte und ausschloss.

„Das gibt es doch gar nicht, du Nichtskönner.“

„Hast du deinen Trainerschein auf dem Jahrmarkt gewonnen?“

In der letzten Woche war es dann erstaunlich still bei ihm. So still, dass ich sogar bis zu mir den Kommentator im Fernseher hören konnte. Nur einmal war da Randale-Rudi.

„Na klar, na klar, ohne könnt ihr nicht, oder was? Oder WAAAAAS?“

Dann war wieder Stille. Vier oder fünf Mal sah ich ihn von hinten zusammenzucken, als hätte sich ein Magengeschwür bemerkbar gemacht. Ich war einigermaßen erstaunt, als der Kommentator am Ende den Endstand durch gab. 5:1 gewonnen. Randale-Rudi stand länger als normal nach dem Spiel am Fenster und rauchte mehr Zigaretten als normal. Stumm schüttelte er im Takt seiner Züge den Kopf.

„Das kann doch alles nicht wahr sein, das ist doch nicht die Möglichkeit.“

Und jetzt dieser Schrei. Wieder zuckte der alte Mann während des Spiels zusammen. So viel, so oft, als hätte er einen epileptischen Anfall. Es war 15:21 Uhr als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff und es war 15:22 Uhr als Rudis Schreie erklangen und 15:23 Uhr als Randale-Rudi, in seinem Element, am Fenster stand und schrie.

„Kann man den so doof sein HSV? Ihr seid doch zu blöd zum Aufsteigen. Wieder so ein Ding in der Nachspielzeit. Ich kann es nicht glauben, solche Idioten.“

Als Randale-Rudi fertig gemeckert hatte, wurde sein Blick ganz glasig und fixierte das Nichts. Dann schlug er sich mit der leicht geformten Faust gegen die Brust. „Mein VfB, mein VfB.“ Und eine Träne kullerte seine Wange hinunter.

Es war wirklich Unglaubliches passiert.

Mit einem 6-Punkte-11-zu-1-Tore-Endspurt steigt der VfB Stuttgart praktisch nach einem Jahr Abstinenz wieder in die Bundesliga auf. Die Relegation ist zwar theoretisch noch möglich, dass aber FC Heidenheim am letzten Spieltag 12:0 gegen den Meister aus Bielefeld gewinnt wohl eher nicht.

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
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