traditionell zweitklassig

34. Spieltag: Hamburger SV – SV Sandhausen

Jetzt muss nur noch Diekmeier treffen

von Simeon Boveland

(Stimme aus dem Off) Insgeheim habe ich 33 Texte lang überlegt, wie dieser letzte Text wohl aussehen würde. Natürlich habe ich an einen Party-Text gedacht, an die glorreiche Rückkehr und an Jubelorgien. Ich habe mir ausgemalt, wie es der HSV dem 1. FC Kaiserslautern 1997/98 gleichtun würde und als Aufsteiger Meister wird. Eine kleine Stimme in meinem Kopf, wollte aber auch das Drama. Der HSV sollte also nicht schon am 27. Spieltag die Meisterschaft feiern, aber doch den direkten Aufstieg schaffen. Also mehr Komödie, als Tragödie! Und was habe ich bekommen?

I. Akt: Exposition (Einführung)

Ein Mann betritt die dunkle Bühne und tritt in einen Lichtkegel.

Erzähler: Hier in Hamburg, wo die Handlung spielt, beginnt es, das Drama. Das Ausmaß ist nicht abzusehen, aber sehen Sie selbst.

Der Erzähler deutet hinter sich auf die Leinwand. Es flackern in endlosen Sequenzen die Eigentore und Gegentore in der Nachspielzeit auf. HSV-Spieler mit hängenden Köpfen.

Erzähler: (mit emotionsloser Stimme) Am 26. Spieltag, dem ersten Spieltag nach der Corona-Pause, bekam der HSV als Tabellenzweiter, in der Nachspielzeit gegen Fürth noch das 2:2 und verschenkte so zwei Punkte. Es folgte ein Unentschieden gegen den Tabellenführer und eine Niederlage gegen den direkten Konkurrenten aus Stuttgart. In diesem Spiel drehten die Schwaben einen 0:2 Rückstand. Der Siegtreffer fiel natürlich in der Nachspielzeit. 

II. Akt: Steigende Handlung 

Die Leinwand wird schwarz. In schwarz-weiß eine Best-of-Collection aller fast-Tore von Dennis Diekmeier.

Erzähler: Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Wunder geschehen immer wieder. (singt) Oh, wie ist das schön! Nach 294 Profispielen war es am 26. Mai 2020 endlich soweit. Der ehemalige HSV-Spieler Dennis Diekmeier hatte sich nicht nur in Kürze zum Leistungsträger und Kapitän der Sandhausener aufgeschwungen, nein, auch noch eine weitere Sache konnte er im beschaulichen Sandhausen korrigieren. Ein Makel lag nämlich noch immer auf der Karriere des extravaganten Vaters von Delani, Dion, Dalina und Divia. In 294 Profispielen war ihm noch kein Treffer gelungen. Bis zu eben jenem 26. Mai 2020 als Diekmeier nach einer Flanke einen Kopfball mit dem Kopf ins Tor verlängerte. Das Ende einer endlosen Durststrecke. Die Fußballwelt stand Kopf.

Orts- und Szenenwechsel. Die Leinwand färbt sich grün.

Erzähler: Währenddessen spielte sich auch in der Bundesliga Unglaubliches ab. Denn plötzlich war der böse Rivale aus Bremen mitten im Abstiegskampf und stand mit 22 Punkten und 5 Punkten Abstand auf den Relegationsplatz auf einem Abstiegsplatz. Damit hatte vor der Saison keiner gerechnet. Es folgte bis zum 34. Spieltag ein Auf und Ab mit Sieg, Unentschieden und Niederlagen, aber dann am 34. Spieltag, die kleine Befreiung. Mit einem fulminanten 6:1 schoss sich der SV Werder Bremen gegen Köln auf den Relegationsplatz. Übrigens, Fortuna Düsseldorf musste dafür absteigen. Ein Unhold, wer hier Böses denkt.

III. Akt: Klimax (Höhepunkt)

Erzähler: Aber kommen wir zurück zu unserem Protagonisten, unserem Helden, wenn man so will. Nach der bitteren Niederlage gegen die Stuttgarter schienen die Hamburger das Vergangene aus den Klamotten geschüttelt zu haben. Oder doch nicht? Sehen Sie, schauen Sie, gucken Sie: Gegen Wiesbaden gibt es einen Dreier, toll, toll. Aber eine Woche später gegen Kiel wieder ein spätes Gegentor und nur ein Remis. Aber nach dem Remis ist vor dem Sieg und plötzlich steht der HSV doch wieder auf dem überraschenden zweiten Platz und hat die Möglichkeit den Aufstieg nun in Eigenregie fix zu machen. Diese 2. Liga, eine Mischung aus Wahnsinn und Unvermögen. Das Problem ist nur: Unser Held ist dem Druck nicht gewachsen.

IV. Akt: Retardierendes Moment (Handlung verzögern, Spannung aufbauen)

Erzähler: Mit einer besseren Tordifferenz und einem Punkt Abstand könnte der Aufstieg selbstständig erreicht werden, aber die Nerven machen nicht mit. Ein mageres 1:1 gegen den damaligen 14. Platz, während die Stuttgarter Sandhausen mit 5:1 vom Platz fegen. Der HSV wieder nur Dritter. Am vorletzten Spieltag dann das Drama im Drama und der freie Fall des Helden. Nach einer 0:1 Führung verspielt der HSV diese und den Relegationsplatz. Wieder ein Nackenschlag in der Nachspielzeit. Ein Déjà-vu aus der Vorsaison. Der Gegner und direkte Tabellennachbar Heidenheim zieht vorbei. Der HSV hat weder den Aufstieg noch die Relegation in der eigenen Hand, muss nun auf eine Niederlage der Heidenheimer hoffen und selber sein Spiel gewinnen. Zu allem Überfluss schwebt das Damokles-Schwert „SV Werder Bremen“ als Relegationsgegner über den Hamburgern. Die Bremer reiben sich schon die Hände und wünschen sich den „Lieblingsgegner“ HSV.

V. Akt: Katastrophe

Auftritt Clemens, Benedict, Ich

Clemens: (vor Spielbeginn) Ey, wenn der HSV es heute doch durch ein Wunder schafft, haben sie die Chance in einer Saison gegen die größten Rivalen zu enttäuschen und die 2. Liga zu halten. Damit wäre dann wirklich ein Tiefpunkt erreicht. Also wenn sie das alles packen, können sie sich schon wieder auf den Balkon stellen.

Erzähler: Lange habe ich überlegt, ob ich das Spiel in Gesellschaft schauen sollte. Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass der HSV alles vergeigt und nur 4. wird. Wenn alle für den HSV spielen sollten, dann wäre es die Relegation. Einerseits war der HSV Relegationsmeister, andererseits war Bremen prädestiniert, die Hamburger so brutal zu verhauen, dass die nicht mehr aufstehen würden. Unter diesen absurd schlechten Bedingungen konnte ich das Fußballschauen in Gesellschaft riskieren. 

Nach 13. Minuten Eigentor vom HSV.

Clemens: (weiß) Immerhin führt Bielefeld.

Nach 22. Minuten 0:2 für Sandhausen.

Benedict: Also ich bin raus!

Benedict ab.

Ich: Jetzt muss nur noch Diekmeier treffen.

Halbzeit. Auftritt Mo.

Mo: Kann man sich alles nicht ausdenken (Regisseur lacht im Off)

Ich: Aber wie würdest du denn so gegen Bremen gewinnen wollen? Ne echte Katastrophe

Mo: Ne, keine Chance gegen Bremen. Die verhauen uns auch noch.

Ich: Das haben die so ausdauernd verkackt. Da war echt mehr drin.

Mo: Ja, seit der Corona-Pause ist es vorbei. Nur noch Slapstick.

Erzähler: Auch in der zweiten Hälfte kam nicht viel vom HSV und nur über einen Elfmeter konnte der Anschlusstreffer erzielt werden. Um es nochmal in alle Köpfe zu rufen: Seit Heidenheim gegen Bielefeld zurücklag und letztendlich auch 3:0 verlor, hätte dem HSV ein Unentschieden gereicht und das bedeutete bei einem 1:2-Rückstand nur ein Tor. Aber es fiel das 1:3 und das 1:4 und es begann die Nachspielzeit und nach einer weiteren Slapstick-Einlage stand der ehemalige Hamburger Dennis Diekmeier alleine vor dem Hamburger Tor. Eigentlich wollte er das runde Spielgerät auf die Tribüne bolzen, klärte dann aber in den Winkel.

Mo: Puh. Da haben sie es doch nochmal geschafft uns zu überraschen.

Erzähler: Amen. Ich war bedient. Die Freunde fragten: „Alles in Ordnung bei dir?“ Ich hatte wortlos meine Jacke genommen und die Schuhe angezogen. Besorgt schauten sie hinter mir her, als ich die Tür laut ins Schloss fallen lief. In der U-Bahn gingen mir die 6 Punkte durch den Kopf, die der HSV seit der Wiederaufnahme der Saison in der Nachspielzeit hergegeben hatte. Mit diesen 6 Punkten wäre der HSV als Zweiter aufgestiegen. Wie sollte es weiter gehen? Die Notbremse war auf einmal zum Greifen nah. Ich zog dran und die U-Bahn kam mit einem gewaltigen Ruck zum Stehen. Die Mitfahrenden kreischten und hielten sich an Stangen und Sitzen fest. Mit den Händen drückte ich die Tür auf, wie es auf dem weißen Aufkleber in schwarzer Schrift beschrieben stand. Bevor ich den Wagen verließ, drehte ich mich zu meinen geschockten Mitfahrenden um: „Hier ist Endstation, alles Aussteigen bitte.“ 

Der Mann auf der Bühne, der allem Anschein nach auch der Erzähler ist, dreht sich um und macht Anstalten die Bühne zu verlassen. Dann kehrt er nochmal um und spricht zum Publikum.

Erzähler: Nun kann ich es Ihnen ja sagen: Ich bin der Regisseur, der große Zampano dieser Schmierentragödie. Natürlich alles überspitzt und unrealistisch, man möge es mir verzeihen. Ein Fass ohne Boden. So absurd-unrealistisch. Dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Sie erhalten an der Kasse ihr Geld zurück und trotzdem hoffe ich, dass Sie mich bald wieder beehren. (im Hintergrund erscheint eine Figur von vorher) Zum Schluss setze ich dem Gesehenen Absurditum aber noch die Krone auf, indem ich einen der Protagonisten sage lasse:

Ich: (berichtend) Diekmeier trifft in Minute 90+2. Besser kann man die ganze Scheißsaison nicht auf den Punkt bringen.

Licht erlischt. Erzähler und Ich ab. 

Simeon Boveland
Aufgewachsen im alten Hamburger Volksparkstadion und sozialisiert durch Ali Albertz und Lumpi Spörl, arbeitet Simeon Boveland an der Intellektualisierung des Fußballs. Oben der Versuch eines Beweises.
homeenvelopefutbol-ofacebook-official