traditionell zweitklassig

34. Spieltag: VfB Stuttgart – SV Darmstadt

Versetzungsgefahr

von Christoph Mack

Verdammt! Die Straße schien schneller als gewöhnlich unter seinen Füßen hinweg zu gleiten. Dabei bemühte er sich nicht schneller als nötig zu laufen, an diesem ungewöhnlich stürmischen Sommertag. In seinen Ohren hallten immer noch die Worte seiner Lehrerin Frau Schenkenberg. „Linus?!“, hatte sie in ihrem gewohnt eisernen Tonfall gerufen und ihn mittels eines unmissverständlich stechenden Blicks zu sich ans Pult zitiert. Frau Schenkenberg war eine Pädagogin der alten Schule. Als sie ihm sein Zeugnisheft übergab, konnte sie es sich nicht verkneifen, ihm noch einen Denkzettel mit in die Ferien zu geben: „Aber grad‘ so, Junge. Im neue‘ Schuljahr mussch dich dann fei wirklich anstrenge, ge?!“ „Ja, ich weiß, Frau Schenkenberg, Danke.“ Mit schuldbewusst zusammengekniffenen Lippen nahm Linus sein druckfrisches Zertifikat entgegen und trat ab, verließ das Klassenzimmer, die Treppen hinunter, raus auf den Schulhof. Hier traute er sich ein erstes Mal schüchtern die Faust zu ballen. „Yesss“, entfuhr es ihm leise. „Ja, Mann.“ Das war jetzt schon gut hörbar gewesen, auch weil er sich parallel dazu mit der Hand auf die Brust klopfte. Er war allein und zufrieden mit sich. Das traditionelle Schuljahresabschlusstreffen auf dem Rotenberg, bei welchem er sich im letzten Jahr noch still und heimlich den Sitzen-Bleiben-Frust von der Seele gesoffen hatte, war dieses Jahr aufgrund der pandemiebedingten Kontaktsperre abgesagt worden. Doch er brauchte jetzt keine Party, keine Menschen, keinen Alkohol um sich siegestrunken zu fühlen. Er war sich sicher gewesen, dass er es packen würde. 

Zumindest am Anfang. Alle hatten sie an ihn geglaubt, an ihn, den Jungen aus gutem Hause, hatten die Ehrenrunde, die er nach einem durch und durch verkorksten Schuljahr drehen musste, auf die gewöhnlichen pubertären Selbstfindungsprobleme geschoben. Sein Vater hatte folglich einige seiner Tätigkeiten in der familieneigenen Kanzlei delegiert, um mehrmals die Woche mit seinem Sohn pauken zu können. Linus bekam darüber hinaus Nachhilfeunterricht in Physik und Gemeinschaftskunde. Viermal im Monat ging er zu Marko Winzner, einem angesehenen Stuttgarter Psychologen und Experten für Mental Health. Auf seinem Tablet stapelten sich die bestens bewerteten Wissens-Apps und die aktuellsten Übungssoftwares. In seiner Klasse war er mit dieser pädagogischen Vollausstattung alleine auf weiter Flur. Verglichen mit seinen Klassenkameraden, die teilweise monatelang mit halb zerkautem, halb zerbrochenem Schreibwerkzeug operierten, schien er in sämtlichen Belangen privilegiert. Zu Beginn des nun zu Ende gehenden Schuljahres hatte sich dieser Vorteil auch prompt in guten Noten ausgezahlt. Gewissenhaft brachte er in sämtlichen Klassenarbeiten solide Leistungen aufs Papier. Doch irgendwann im Herbst verkopfte er sich bei einer Mathematik-Klausur zum ersten Mal derart, dass ihm der augenscheinlich leichte Lösungsweg nicht ersichtlich wurde und er keine der ihm gestellten Teilaufgaben zufriedenstellend bewältigen konnte. Linus erinnerte sich bis heute noch gut an das Wirrwarr an Zahlen, an die durchgestrichenen Rechenversuche und daran, dass es der Anfang seiner ganz persönlichen Winterdepression war. Plötzlich fiel ihm schwer, was ihm vorher in den Schoß gefallen war. Immer öfter missriet ihm nun ein Leistungstest. Die Sorgenfalten seiner Lehrerin wurden tiefer, die Ansprachen der Eltern strenger und tadelnder, die Kommentare der Mitschüler gehässiger. Und Linus verlor erst zusehends die Lust am Lernen und anschließend den Glauben an sich selbst. Woche für Woche stümperte er fächerübergreifend unter seinen Möglichkeiten herum. Mehrmals wurde er beim Abschreiben erwischt, obwohl er nur ganz kurz gespickt hatte. 

Was wohl geschehen wäre, wenn sein Vater kurz vor Weihnachten nicht Linus eigenwilligem Nachhilfelehrer von seiner Aufgabe entbunden und ihm anstelle dessen einen aufstrebenden Mathematik-Doktoranden an die Seite gestellt hätte? Zumindest kurzfristig war Linus Motivation zurück, die Herangehensweise seines neuen Lernbegleiters taugte ihm. Fortan schrieb er nicht blindlings drauflos, sondern überlegte erst, nahm sich mehr Zeit die ihm gestellten Aufgaben zu lesen, zu verstehen, sich darauf einzulassen. Er war sich sicher gewesen, den Schlüssel zu seinem Lernerfolg gefunden zu haben. 

Doch diese Selbstsicherheit wohnte Tür an Tür mit dem Leichtsinn. Nach und nach schlichen sich wieder Nachlässigkeiten ein. Die Rückschläge kamen, hart und unerwartet und erstaunten ihn teilweise selbst am meisten. Seine Lehrerin schüttelte stoisch und fassungslos ihren Kopf, seine Eltern schlugen nun regelmäßig die Hände über dem Selbigen zusammen. Nach einer missratenen Geschichtsarbeit, das Thema war pikanterweise die Entstehung des Südweststaats gewesen, platzte seiner Mutter endgültig der Kragen. Kalte Schauer überzogen seinen Rücken, als er daran zurückdachte. Wutentbrannt hatte sie ihm vorgehalten, wie viel sie schon in ihn investiert hätten, welche Möglichkeiten sie ihm geboten hätten, von denen andere nur träumen könnten, und überhaupt, wie er sich das vorstelle mit dieser Arbeitseinstellung im Leben weiter zu kommen und was ihm denn einfiele die Familienehre so in den Dreck zu ziehen und dass er sich was schämen und endlich aufwachen und verdammt nochmal seinen Kopf anschalten solle! 

Linus hielt kurz inne und blieb stehen. Jetzt wurde ihm gewahr, dass diese Standpauke kurz vor den Abschlussprüfungen gerade einmal zwei Wochen her war. Diese Erinnerung war noch frisch, er fühlte ebenso noch die Angst vor der ersten der drei Examens-Klausuren. Todsicher war er gewesen, zu versagen, einzubrechen, alle zu enttäuschen. Doch aus ihm bis heute schleierhaften Gründen lief die erste Prüfung gut, um nicht zu sagen sehr gut, um nicht zu sagen exzellent. „Nur nicht drüber nachdenken“, hatte er nach dieser Klausur gedacht und mit dieser Attitüde auch die darauffolgende ebenso glanzvoll gemeistert. Fassungslos holte er den Taschenrechner raus und errechnete seinen Notendurchschnitt. Es sollte reichen. An der letzten Klassenarbeit musste er nur noch teilnehmen. Das tat er. Ein paar Lösungswege bot er noch an, dann schaute er vergnügt aus dem Fenster und entschied sich, die letzte Seite des Klassenarbeitspapiers mit einem kleinen Gedicht zu versehen, das zwar nichts mit der geforderten Leistungserwartung zu tun hatte, sollte aber seinen fehlenden Tatendrang zumindest etwas beschönigen. Die romantische Ader hatte er sich insgeheim seit seinem ersten Aufsatz in der zweiten Klasse bewahrt und für den Moment genügte ihm die Stillung seiner kindlichen Bedürfnisse.

Nun war Linus vor seiner Haustür angekommen. Er schloss die Tür auf und ging direkt in die Küche, wo seine Eltern schon beim Mittagessen saßen und ihn erwartungsvoll anblickten. Mit einer betont lässigen Armbewegung zog er sein Zeugnisheft aus seiner Umhängetasche und manövrierte es schwungvoll auf den Küchentisch. Die Augenpaare seiner Erzeugergemeinschaft pendelten zwischen den einzelnen Ziffernnoten und ihrem überlegen grinsenden Sohn. Aus ihren erwartungsvollen Blicken wich mit jeder Pendelbewegung ein Stückchen der kühlen Strenge bis sich schlussendlich die sorgfältig in Sorgenfalten gelegten Stirnen glätteten und auch auf den elterlichen Gesichtern ein gütiges Lächeln zu erkennen war. Denn unter den teilweise unbefriedigenden Zensuren stand ein kurzer aber entscheidender Satz, ein Satz der den Haussegen, zumindest für die Dauer der Sommerferien, retten sollte: 

„Der Schüler wird in die nächsthöhere Klasse versetzt.“

Der VfB wird in die nächsthöhere Klasse versetzt. Ohne Auszeichnung. Ohne Belobigung. Das spartanisch bedruckte Wiederaufstiegsshirt scheint in diesem Licht maßgeschneidert, eine kommunikationsdesignerische Meisterleistung. Haken dran - die Mission Wiederaufstieg ist geglückt. Mund abputzen, weitermachen. Soweit die gängige Devise derjenigen, die bei der allwöchentlichen Kehrwoche gerne den Fußabtreter heben, um den Kehricht darunter zu verstecken. Doch nicht nur jede Lehrkraft, die die Aussagekraft von Ziffernnoten in Frage stellt, möchte hinter den vorvorletzten Satz noch ein einschränkendes „trotz“ dranhängen. 
Die Mission Wiederaufstieg ist geglückt, trotz beeindruckender zehn Niederlagen, trotz noch weniger gänzlich überzeugender Auftritte, trotz der Pleite im Derby und trotz des daraus resultierenden Stimmungstiefs 

Und damit wären wir auf der anderen Bedeutungsebene der Präposition. Denn der Klassensprung erfolgte auch, trotz des hausgemachten Drucks, der sich im als schwierig geltenden Umfeld traditionell potenziert, trotz des zwar gut dotierten, aber dennoch wild zusammen gewürfelten Kaders in dem kaum jemand über Zweitligaerfahrung verfügte. 

Dieser tatsächlich erreichte zweite Platz fühlt sich nicht nach einem Erfolg an, sondern schmeckt eher nach Erleichterung. Erleichterung, nach der glanzlosen Erfüllung einer lästigen Pflichtaufgabe, die trotzdem nicht selbstverständlich war. Der VfB ist aufgestiegen, aber noch lange nicht dort wo er nach seinem eigenen Selbstverständnis hingehört. Nur einer ist am Ziel seiner Aufgaben, ein Großer. Ein großer Stürmer, ein großartiger Mensch. Mario Gomez beendet seine Karriere und verabschiedet sich mit einem Tor und der erfolgreichen Erfüllung seiner ganz eigenen Mission. Er wollte den Menschen in Stuttgart am Ende seiner Laufbahn etwas zurückgeben. Es ist ihm geglückt. Er geht als Gewinner, als Aufsteiger, als Sieger der Herzen und als reflektierter, ehrlicher Sportsmann. So gebühren ihm die Abschiedsworte meines letzten Textes, die ich treffender nicht hätte formulieren können:

„Ich konnte mir schwer vorstellen, was es bedeutet in der zweiten Liga zu spielen und wie das für uns wird. Ich war wirklich davon überzeugt, dass wir durch diese Liga marschieren. Ich wurde eines Besseren belehrt und diese Erfahrung, die ich dieses Jahr gemacht habe, die ist gigantisch (…) Diese Widerstandsfähigkeit, die hat mich überrascht (…). Man kann es nicht vergleichen mit der Bundesliga und das ist wirklich ein Aspekt, über den ich froh bin, ihn erlebt zu haben. Denn: Ich konnte es mir nicht vorstellen.“

Christoph Mack
Im Schwabenland geboren, wandelt Christoph Mack zielsicher und fintenreich auf dem schmalen Grat zwischen gewohnheitsverliebtem Lamentieren und weltmännischem Optimismus. Übersteiger inklusive.
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